
2025. Helga Ottmar, Jahrgang 1935 – Foto Naomi Neff
Auch wenn es fürstlich klingt, so war wohnen und leben im Waldenbucher Schloss in den späten 40er und 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts alles andere als ein Privileg. Helga Ottmar, geb. Fellhauer, erinnert sich an ihre Kindheit im Schloss:
Wir kamen nach Waldenbuch, als ich vier Jahre alt war, daran erinnere ich mich noch. Irgendwie haben sich meine Eltern, die aufs Land ziehen wollten, für diesen Ort entschieden, den Grund kenne ich nicht. Mein Vater, Franz Fellhauer (1885-1959) wollte vorsorglich raus aus Stuttgart, er hatte einfach Angst vor Bombenangriffen. Meine Mutter, Emilie Fellhauer, geb. Kurz (1895-1984) die in Stuttgart geboren ist und 4 Schwestern hatte, wollte überhaupt nicht nach Waldenbuch und die hat sich am Anfang ziemlich schwergetan. Die „Stadt“ war damals ein Bauerndorf mit 2.500 Einwohnern – da war gar nichts los. Durch Zufall haben meine Eltern dann gehört, dass im Schloss eine Wohnung frei wurde, die man eventuell mieten könnte. Zu dieser Zeit haben dort schon andere zur

Sofie Essig
Miete gewohnt. Das waren alles Beamte – Forstmeister, Förster ein Vorstand, die Dienstwohnungen hatten. Es gab auch ein Notariat mit Notarwohnung und zwei Lehrer mit ihren Familien.

Vereinfachtes Schema der vier Bauphasen des Waldenbucher Schlosses auf der Grundlage des Plans von Otto Springer aus dem Jahre 1912. Grafik: Susanne Schmidt
Als Waldenbucher kam man eigentlich gar nicht ins Schloss. Das war ein abgeschlossener Bereich zu dieser Zeit. Es gab zwei große Häuser und ein kleineres Haus, das haben wir bewohnt, ganz alleine, die ganze Zeit. Es ist das Haus, das man sieht, wenn man durchs Tor kommt (Offizienbau). Unter Herzog Christoph war es das Gesindehaus. Unten im Keller war ein riesiger Backofen eingebaut. Und es gab einen Raum, wo sie früher ihr Wild geschlachtet haben. Das war alles noch da, als wir eingezogen sind. Die Herzöge, die das Schloss als Jagdschloss benutzt haben, hatten einen Raum für die Pferde, der war im anderen Gebäude, also im großen Haus. Dort waren noch die Ringe an den Pfeilern, wo man die Pferde angebunden hat und auch die Futtertröge. Für uns Kinder war das natürlich interessant, wobei wir ja bloß zwei oder drei waren.

1989. Alter Treppenaufgang von der Grabenstrasse zur Stadtkirche und zum Schloss. Foto: J. KapsSchloss
Das Gesindehaus (Offizienbau) in dem wir wohnten hatte folgende Räumlichkeiten:
Ein Untergeschoss mit dem Backofen. Im Erdgeschoss lagen die Wirtschaftsräume wie Kartoffel- und Kohlekeller, ein Abstellraum, sowie der Zugang zum Haus. Im Obergeschoss war unsere Wohnung mit vier Zimmern, der Küche, eine kleine Toilette, eine Speisekammer und ein großer Flur. Oben auf der Bühne gab es einen Abstellraum. Jeder Raum musste einzeln mit einem Kohleofen beheizt werden. Schlafzimmer und Toilette waren nicht heizbar.

ca, 1970. Blick vom Schlosshof auf den Friedhof.
Meine Mutter stand im Winter immer gegen fünf Uhr morgens auf, um die Öfen zu beheizen. Dafür musste das Heizmaterial erst einmal aus dem Erdgeschoss geholt werden.
Es hat sich sehr bewährt, dass meine Eltern schon früh aus Stuttgart weggezogen sind. Sie hatten zwei Wohnungen in Stuttgart und beide sind total ausgebrannt. Ab diesem Zeitpunkt hat sich meine Mutter in Waldenbuch wohlgefühlt, weil sie wusste, dass sich der Umzug nach Waldenbuch doch gelohnt hat, und sie das dann auch so sagen konnte.
Mittendrin und doch entfernt
Das Schloss war für Waldenbucher ein Bereich, zu dem es wenig Berührungspunkte gab.

Blick vom Schlosseingang auf das Gebäude der heutigen Musikschule
In den ganzen Kriegsjahren saßen wir eigentlich die meiste Zeit im Keller. Der befand sich in dem großen Hauptgebäude (Alter Bau), wenn man zum Torbogen reinkommt, rechts unten in der Ecke. Vielen Stufen führten zu diesem Gewölbekeller in dem wir dann die ganzen Nächte mit den anderen Bewohnern ausharrten.

Waldenbucher Jagdszene auf Postkarte, ca. 1940
Ursprünglich war das Waldenbucher Schloss ja als Jagdschloss gedacht. Der Wald ging fast bis zum Schloss. Die heutige Grabenstraße war der Graben, so entstand ein abgeschlossener Bereich. Die Kirche und die Häuser wurden ganz dicht gebaut, weil die Leute, die im Schloss gearbeitet und auf dem Schlossberg gelebt haben, bestimmte Privilegien hatten. Sie haben, soweit ich weiß, Brennholz bekommen oder andere Dinge, die man fürs tägliche Leben braucht.

Ausschnitt einer Lebensmittekarte Stuttgart 1950
In den Kriegsjahren war das natürlich anders. Anfangs gab es eigentlich alle Lebensmittel, aber später gab es dann die Lebensmittelkarten. Wir Schlossbewohner haben genau wie die Waldenbucher von diesen Rationen gelebt. Sie hatten aber auch alle Freunde unter den Bauern und wir hatten das nicht. Da waren wir wieder Fremde, zumindest die Erwachsenen, für uns Kinder war das anders.
Nach Kriegsende- wohnen für Neuankömmlinge
Das Schloss gehört zur Liegenschaft des Landes. Wegen der vielen Menschen, die während und nach dem Krieg vertrieben wurden oder geflohen waren, wurde das oberste Stockwerk des Schlosses ausgebaut. Vorher waren das nur Abstellräume. Außerdem mussten wir, die alten Bewohner, so viel wie möglich an Wohnraum abgeben. Wir hatten dann nur noch ein Schlafzimmer und ich musste wieder bei meinen Eltern schlafen.

Januar 1945, Ankunft im Waldenbucher Schloss. Planwagen mit Else Bippus und Ihren sechs Mädchen. Bild erstellt mit ChatGPT von W. Härtel im Februar 2026
Ich erinnere mich: Eines Mittags waren wir im Schlosshof und haben gespielt. Da kommt ein Pferdewagen durch den Torbogen, ein abgemagertes Pferd und ein ziemlich ramponierter Planwagen. Wir Kinder haben gestaunt, was da los ist. Als sie halten, steigt da eine Familie aus: Vorne die Mutter und aus dem Inneren der Kutsche sechs oder sieben Kinder. Wir standen da, und haben vor lauter Staunen, den Mund nimmer zugekriegt. Das waren die ersten Heimatvertriebene im Schloss. Die Familie Bippus hat da den Anfang gemacht. Daran erinnere ich mich noch ganz genau. Für uns war das etwas, was noch nie da gewesen wart. In dieser Zeit war es dann so, dass fast in jedem Zimmer irgendeine Familie untergebracht wurde. Das waren ziemlich chaotische Zustände.

Das alte Schulhaus am Marktplatz.
Auch in der Schule gleich neben dem Schloss war nicht genug Platz, um die vielen Kinder zu unterrichten. Also wurden im Schloss zwei weitere Klassenzimmer für den Unterricht bereitgehalten. Die Lehrer kamen dann extra ins Schloss, um die Kinder zu unterrichten, gerade meine Jahrgänge 1933/34/35 waren dort. Das ging etwa zwei oder drei Jahre.
Zusammenleben im Schloss

Emilie Fellhauer, geb. Kurtz, (1895-1984)
Meine Mutter, Emilie Fellhauer, war als Hausverwalterin im Schloss von 1939 bis 1969 tätig. Da musste so mancher Streit geschlichtet werden. Ihre Aufgabe war es, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, wenn irgendwas Schlimmeres passierte und den Überblick zu behalten, wer für was haftet. Um die Vermietung selbst musste sie sich nicht kümmern, das ging alles über Stuttgart oder übers Rathaus.
Damals war jeder verpflichtet, Wohnraum abzugeben. Wir hatten ein Zimmer, das lag etwas abseits. Da hat ganz lange eine Familie mit Kleinkind bewohnt. Diese Leute, die waren sehr fleißig. Was toll ist: Sie bekamen später, als die Reinhold-Körber-Siedlung entstand, günstige Grundstücke am Weilerberg, wo sie ihre Häuser bauen konnten. Es war beeindruckend, wie die Leute da geschafft haben und alle nachher ein eigenes Haus hatten. Für die Schwaben gibt es ja kein besseres Renommee als schaffige Menschen.

1947, Familie Bippus, 1940 mit 6 Kindern aus Rumänien “heim ins Reich” geholt, darauf in verschiedenen Lagern, ab 1946 in Waldenbuch bis 1952 im Schloss wohnhaft. Danach kamen noch zwei Kinder, Rita und Hans-Dieter.
v.l. vordere Reihe:Magdalene (Lenchen), Erika, Hildegard, Erna und Ella (Zwillinge)
v.l.hintere Reihe:Alma, Frau Bippus, Rita.
Mein Vater war kein Beamter und wir hätten eigentlich gar kein Recht gehabt, im Schloss zu wohnen. Doch da mein Vater offiziell die Schlossverwaltung übernommen hatte, durften wir dort wohnen. Diese Aufgabe hat er gleich am Anfang angenommen, als wir nach Waldenbuch kamen. Gemacht hat es aber natürlich meine Mutter – die hat den Laden geschmissen. Mein Vater hat sich schön rausgehalten. Geld hat sie damit nicht verdient, aber ich glaube, wir haben günstig gewohnt. So genau weiß ich aber alles nicht mehr, als Kind hab‘ ich das nicht mitbekommen.
Nach dem Krieg oder auch schon im Krieg, hat Forstmeister Spörl im Schloss gewohnt,

Familie von Forstmeister Spörl auf der Altane
Im 1. OG des Schlosses, dem “alten” Flügel waren Forstamt und Forstbeamtenwohnung, später Privatwohnungen
Und dann gab es noch Leute in einer großen Wohnung, das war eine Familie aus Stuttgart mit den sechs Kindern, die hießen Erhard. Als sie eingezogen sind, mit ihren Kindern, dann haben wir sie gefragt, wie sie denn das mit ihrem kleinen Auto machen. Dann sagte der Herr Erhardt, ach, wissen Sie, das ist nicht so tragisch – eins oder zwei sind sowieso immer krank, das wissen wir schon lange. Meistens waren diese Kinder irgendwo bei anderen Familien.

Familie Ehrhardt (Mai 1965 – April 1973) Nach dem Auszug des Forstamts erhielt der Landesbeamte für seine Familie mit 9 Kindern die ehemalige Diestwohnung des Forstrats.
Übrigens hat nach dem Krieg die Familie Schlotz von HAKA auch mal im Schloss gewohnt. Die kamen von irgendwo her, und haben hier ihre Firma aufgebaut. In dieser Zeit haben sie im Schloss gewohnt. Auch Kunstmaler Walter Romberg mit Frau Else hat es viele Jahre im Schloss gefallen. Er hat viele Bilder dort gemalt.
Einmal passierte Folgendes: Einer der Bewohner im Schloss drehte durch und wollte im ersten Stock aus dem Fenster springen, am hellen Nachmittag. Zu der Zeit hatten wir eine Familie, die hieß Lustig – ihre jüngste Tochter wohnt heute noch hier in Waldenbuch im Hochhaus. Der Vater war ein ganz umgänglicher Typ, immer freundlich, immer gut aufgelegt. Er hat also gesehen, dass jemand im ersten Stock aus dem Fenster springen will. Dann hat er ihn so lange beredet, dass er warten soll, denn er käme jetzt gleich hoch und würde ihm helfen. Da kann ich mich noch genau erinnern: Der andere war schon mit beiden Füßen über der Brüstung des Fensters und wollte gleich runterspringen. Da kommt der Herr Lustig und packt ihn von hinten und zieht ihn rein. Er war so ein großer, kräftiger, der war von Beruf Gärtner, der Lustig.

c.a. 1950. Die Schwab Mädchen aus Soroksar/ Batschka mit Freundinnen im Schloßhof. Foto: Theresia Mayer
Er hat eh viel für die Harmonie im Schloss getan, weil er immer so gut aufgelegt war. Wenn irgendwo ein Problem war, hat er versucht, das zu lösen. Solche Menschen sind wichtig. Aber es gab auch genau das Gegenteil, Leute, mit denen man nicht zurechtkam. Sie waren zum Glück in der Minderzahl.
Wir haben fast 30 Jahre im Schloss gewohnt, 1939 bis 1969. Doch irgendwann wurde uns die Wohnung im Schloss zur Last, denn es gab nur Einzelöfen, die man morgens immer heizen musste. Und dann waren die Räume so groß und hoch – drei bis vier Meter hoch und im Winter feucht. Oben war es warm, aber bis es unten warm war, das dauerte. Auch hatte das Liegenschaftsamt andere Verwendungszwecke vorgesehen.
Kriegsende 1945 in Waldenbuch
Vom Kriegsende habe ich eigentlich die meisten Erinnerungen. Da war ich gerade zehn Jahre alt. Ich erinnere mich gut, als meine Mutter sagte, jetzt haben wir den Krieg verloren, das ist ganz schlimm und man weiß nicht, wie es weitergeht mit dem Hitler und so.
Erst waren die Franzosen da, das war eine schlimme Zeit. Die sind nach kurzer Zeit dann von den Amerikanern abgelöst worden. Die haben unten in der Dürnitz – das war der damalige Rittersaal – residiert. Sie waren viel anständiger, als die Franzosen – da haben wir richtig aufgeatmet. Aber es war so, dass es nichts zu essen gab. Meine Mutter ist morgens um sechs Uhr zu Fuß ins Siebenmühlental zum Hamstern gelaufen. Ich war damals zehn Jahre alt und habe ab und zu eine Milch oder sowas gekriegt. Von den Leuten wurde viel abverlangt. Zwischendurch hatte man das Gefühl, die wollen uns aushungern. Erst 1948 wurde es dann besser.

1944 Brennendes Stuttgart Foto: Stadt Stuttgart, Stadtgeschichtliche Sammlungen F 2045/63
Ich werde nicht vergessen
Die vielen Bombennächte, die wir mit großer Angst im Keller auf einer kleinen Bank saßen, den Feuerschein am Himmel vom brennenden Stuttgart nach den Angriffen, den Rückzug der verletzten Soldaten mit ihren Pferden, und den Tag der Kapitulation in Waldenbuch als die Franzosen Straße um Straße besetzten. Sie kamen auch ins Schloss und entdeckten uns im Keller. Da war es meine Mutter allein, die mit einem weißen Tuch in der Hand einem Franzosen entgegenging. So durften wir alle wohlbehalten unser Versteck verlassen. Noch heute bewundere ich ihren Mut! Vielleicht war es auch Verzweiflung. Zusammenfassend kann ich sagen: Meine Kindheit war geprägt von vielen Ängsten und Entbehrungen, besonders in den Jahren 1945 und 1947, als es ganz wenig zu essen gab. Ich bin froh und dankbar, dass meine Eltern und ich überlebt haben.
Helga Ottmar, geb. Fellhauer
im April 2025
Weiterführende Quellen zur Geschichte des Waldenbucher Schlosses:
