Wenn aus Zuflucht Heimat wird: Die Geschichte der Reinhold-Körber-Siedlung auf dem Weilerberg in Waldenbuch

2017. Die Reinhold-Körber-Siedlung am Weilerberg. Foto: W. Härtel. Für größere Ansicht aufs Bild klicken!

Ein Resultat nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen während und nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) waren die Vertreibung von Menschen aus den deutschen Ostgebieten. Diese Karte zeigt die Herkunftsgebiete Deutscher Flüchtlinge und Vertriebener 1945-1950.

Bis 1949 musste allein die Stadt Waldenbuch ca. 850 Geflohene und Vertriebene aufnehmen. Etwa drei Viertel davon waren katholischer Konfession, die es in das überwiegend protestantische Waldenbuch zu integrieren galt. Diese Menschen kamen vor allem aus der Tschechoslowakei (Sudetenland), Ungarn, Jugoslawien (Siebenbürgen, Banat, Batschka) und Bessarabien (heute Republik Moldau/Ukraine). Vorher waren auch schon mehrere Familien aus zerbombten Stuttgarter Häusern nach Waldenbuch umgesiedelt worden. Das alles war für eine Stadt mit damals 1.100 Haushaltungen eine schier unlösbare Aufgabe. Zunächst wurden die Neuankömmlinge ins Schloß, in die alte Turnhalle, das Gasthaus Post, sowie in die Säle der Gasthäuser Linde, Lamm und Krone eingewiesen. Von hier aus sollten sie auf Einzelunterkünfte verteilt werden. Nach wiederholten Wohnraumerhebungen waren auch Zwangseinweisungen in private Häuser unvermeidbar.

Der Wohnungsbericht für Waldenbuch mit Stand Oktober 1947 errechnet eine Einwohnerzahl von 3.124 Personen. Davon sind 803 Vertriebene, das entspricht einem Anteil von rund 26 Prozent.

 

Eine Idee wird geboren: Die Reinhold-Körber-Siedlung

In der Siedlung gibt es folgende Straßennamen: Forchenweg, Birkenweg und Ahornweg.

Entscheidende Abhilfe der Notlage für die unfreiwilligen „Neubürger“ brachte ein von Bürgermeister Reinhold Körber vordringlich vorangetriebenes Wohnungsbauprogramm auf dem Weilerberg. Dort entstand bis 1949 die später nach ihm benannte „Reinhold-Körber-Siedlung“.

BM Reinhold Körber führte hierzu im Jahresrückblick am 27. Dezember 1948 aus:

Bürgermeister Reinhold Körber verstarb im Alter von nur 31 Jahren am 14. Dezember 1949 an den Folgen einer Leukämieerkrankung. Foto: Ulrich Körber

 

„Problem Nr. 1 ist das Wohnungswesen: und ich höre von morgens 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr nichts anderes als die Frage: „Ich brauche eine Wohnung!“ Viel Enge, Gesundheitsgefahren (TBC) und sittliche Gefährdung heranwachsender Kinder sind an der Tagesordnung. Wenn noch 100 Kommissionen in den Wohnungen herumschnüffeln, wird kein einziger Wohnraum mehr geschaffen. Schaffung neuen Wohnraums ist das Gebot der Stunde. Deshalb muss eine Siedlung mit ca. 60 Bauplätzen am Weilerberg  gebaut werden.“

Schon in der ersten Gemeinderatssitzung nach seiner Amtseinsetzung am 24. März 1948 hatte BM Körber angeregt, über eine Siedlung  in Lehmbauweise im Stadtwald Weilerberg nachzudenken. Dafür sollten Bauplätze an Bauwillige vergeben werden.

Architekt Ernst Hohenstein. Foto: Ursula Hohenstein-Wagner

Zunächst wurde Architekt Ernst Hohenstein, dann Baurat Eugen Maeckle beauftragt, Pläne für die Erschließung auszuarbeiten.

Gleichzeitig wurden der Steinbruch am Bonholz und die Lehmgrube am Russenkirchhof mit der Maßgabe das gewonnene Material der Stadt kostenlos und den Bürgern zu den üblichen Preisen zu überlassen. Dafür musste im ersten Jahr von den Betreibern keine Pacht bezahlt werden.

 

 

Die ersten Häuser: Wohnungsbau der Stadt

1950. Begehung der Reinhold-Körber-Siedlung am Tag der Kirchweihe von St. Meinrad vor dem Haus Forchenweg 8 und 10. Foto: Katholischen Kirchengemeinde St. Martinus Waldenbuch – Steinenbronn

BM Körber wollte zur Linderung der Wohnungsnot und als Beispiel für eine mögliche Bebauung – auch städtische Wohnungen am Weilerberg erstellen. Hierfür hatte Baurat Eugen Maeckle aus Stuttgart Pläne für zwei Musterdoppelhäuser im Forchenweg 8/10 und 12/14 mit jeweils vier Dreizimmerwohnungen erstellt. Die Gesamtkosten wurden je Doppelhaus auf ca. DM 87.000 veranschlagt (letztlich waren es DM 91.600). Zusammen mit Darlehen und Zuschüssen Waldenbucher Bürger aus einer Sammelaktion mit DM 30.000, Erlösen aus Bauplatzverkäufen von DM 15.000, aus Haushaltsmitteln 1949 von DM 10.000 sowie einem Darlehen der Kreisbautreuhand GmbH mit DM 25.000 wurde die Finanzierung schließlich gesichert.

Die Landeskreditanstalt äußerte sich lobend zum „Waldenbucher Modell“ und stellte sofort DM 50.000,- DM Baukostenzuschuss und ein Darlehen von DM 20.000,- in Aussicht. Damit konnte der Bau eines dritten Hauses angedacht werden, das später jedoch nicht realisiert wurde.

Nach einer Ausschreibung wurden örtliche Handwerker mit den Bauarbeiten für die beiden Doppelhäuser beauftragt, die wie folgt vergeben wurden:

Grab-, Maurer-, Beton- und Dachdeckerarbeiten Hermann Hoyh
Zimmerarbeiten Jakob Fath und Gebr. Landenberger
Flaschnerarbeiten Karl Eckhardt
Schmiedearbeiten Karl Kayser unter Beteiligung der Schmiede Nagel und Schmiede Weinhardt
Gipserarbeiten Gottlob Müller und Hermann Schaal
Glaserarbeiten Paul Burkhardt und Bareiter

Bei diesem Engagement blieb es nicht aus, dass manche Einheimische die Neubürger teilweise mit Neid betrachteten, da sie vermeintlich von der Stadt besser behandelt wurden als sie selbst.

So wurde beispielsweise im Gemeinderat von Stimmen aus der Bevölkerung berichtet, die die Wohnungen am Weilerberg für zu komfortabel hielten. Insbesondere die Ausstattung mit Badezimmer und Speisekammer wurde kritisiert. In der Gemeinderatssitzung vom 27. Juli 1949 wurde aus Kostengründen beantragt Trockenklosetts statt WC einzubauen sowie die Streichung von Waschbecken im Schlafzimmer vorzunehmen. Beide Anträge wurden abgelehnt.

Der Aufbau der städtischen Wohnungen war zweckmäßig. So hatte das Doppelhaus Forchenweg 8 und 10 einen gemeinsamen Eingang auf der Rückseite des Hauses. Ein Treppenhaus führte zu den jeweils beiden Wohneinheiten – eine im Erdgeschoß und eine im Dachgeschoß. Jede Wohnung verfügte über 3 Zimmer, Küche, Speisekammer und Toilette. Im Untergeschoß befanden sich ein Abstellraum, sowie ein Badezimmer für die zwei Wohnparteien. Da beiden Wohnungen damals meist von einer Großfamilie bewohnt wurden, stellte die gemeinsame Nutzung des Badezimmers kein Problem dar. Heute kaum mehr vorstellbar! Die Mieten beliefen sich damals auf DM 50 bzw. DM 43.

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Diese Pläne für das Doppelhaus Forchenweg 8 und 10 von 1985 entsprechen im wesentlichen der ursprünglichen Aufteilung von 1949.

Noch vor Weihnachten 1949 zogen die ersten Bewohner in die beiden schnell fertig gestellten städtischen Häuser am Weilerberg ein. BM Körber konnte dies leider nicht mehr miterleben. Er verstarb im Alter von nur 31 Jahren am 14. Dezember 1949 an den Folgen einer Leukämieerkrankung.

Die beiden beschriebenen Häuser wurden später von der Stadt verkauft und sind bis heute bewohnt.

 

Stein auf Stein: Häusle-Bau in Eigenregie und mit Nachbarschaftshilfe

Der Bebauungsplan vom 30. Dezember 1949 erlaubte nur die Errichtung von Wohngebäuden und die Siedlung versorgender Gewerbegebäude. Der Charakter einer Waldsiedlung sollte durch Belassen von einzelnen Bäumen erhalten bleiben. Die Grundstücke mussten von den Bauwilligen selbst gerodet und abgeräumt werden. Das anfallende Holz verblieb bei der Stadt.

Amtl. Bebauungsplan Reinhold-Körber-Siedlung vom 5.2.1954. Für größere Ansicht auf Bild klicken!

Anfang 1950 hatten sich bereits 15 Bauwillige für die Waldsiedlung gemeldet. Die Kosten für einen Rohbau nach vorgegebenem Muster beliefen sich bei Eigenleistung auf DM 1.500,-  bis DM 2.000,-. Wenn nötig konnten auch zwei Familien in einer Einheit untergebracht werden. Jeder Bauwillige sollte DM 500,- an Eigenkapital nachweisen, dann konnte der Bau beginnen. Der Preis für den Bauplatz betrug 50 Pfennige pro Quadratmeter. Die Parzellen waren durchschnittlich 300 bis 400 qm groß.

Die ersten Käufer von Grundstücken waren Karl Huttenlocher und Josef Soukup. Sie bauten ihre Häuser aus Lehmziegeln und Abbruchsteinen aus Stuttgart.

1950. Forchenweg. Bauhelfer Haus Lemli: Links vorn Stefan Nau, Toni Schubert, Andreas Lemli u.a. Mit Abbruchsteinen aus den Ruinen von Stuttgart wurden Häuser gebaut. Foto: Lojas Nemeth

Menschen, die aus der Batschka kamen (heute die Grenzregion zwischen Serbien und Ungarn), wie die Familien Schneider, Fath, Korell und Hoffmann, sowie Vertriebene aus Ungarn, wie die Familien Nau oder auch Stegner, der spätere Inhaber des Forchenstübles, gingen damals als Erste an den Hausbau in Eigenregie.

Nachbarschaftshilfe wurde in dieser Zeit groß geschrieben: Wer in der alten Heimat eine Landwirtschaft hatte, legte beim Bau als Hilfsarbeiter Hand an. Andere waren Handwerker: Stefan Nau und Philipp Korell waren Maurermeister, Jakob Fath war Zimmerermeister und sägte das Holz beim Sägewerk Baumann für die Dachstühle. Wie überall in der noch jungen Bundesrepublik machten sich die damaligen Flüchtlinge mit dem Segen der Behörden daran, in Eigenleistung ein neues Zuhause aufzubauen, ohne dass eine Baufirma beauftragt werden musste. Viele versuchten dabei, Weihnachten 1950 bereits im neuen Haus zu feiern.

ca. 1960, Weilerbergstrasse 52. Foto: Iris Laber

Wer eine Haushälfte haben wollte, musste eine Familie vorweisen. Ledige hatten keine Chance. Ein Vergleich: Mitte der 1950er-Jahre wurden die neuen Doppelhäuser von bis zu vier Familien mit bis zu zwölf Personen bewohnt. Heute leben auf einer vergleichbaren Wohnfläche maximal zwei Familien.

Zeitzeugen berichteten, mit welchem unbändigen Willen und großer Energie der Wiederaufbau voran ging. In kürzester Zeit schafften sich die Flüchtlinge, die mit Nichts hier angekommen waren, der Not gehorchend, ein eigenes Dach über dem Kopf.

Wer sich eine neue Existenz aufbauen wollte, musste hart arbeiten. Großeltern, Vater, Kinder – Söhne wie Töchter und auch die Mütter der Familien arbeiteten, um den aus dem Bau resultierenden finanziellen Kraftakt zu stemmen. Die Idee von Müttern ohne Berufstätigkeit hatte in dieser Zeit keinen Platz im Leben der Menschen.

 

Baumaterial: Von Trümmern aus Stuttgart

1945. Zerstörtes Stuttgart

Eine andere wichtige Frage ist jene nach dem Baumaterial. Viele Backsteine stammten aus Stuttgart und vom Krieg zerstörter Häuser. Hermann Seeger berichtet: „Das waren Abbruchsteine die aus Ruinen gerettet wurden. Sie kamen z.T. mit der Bahn nach Waldenbuch.Von den Frauen und Kindern wurden sie mit Handwagen vom Bahnhof auf den Weilerberg geschafft. Der alte Mörtel wurde abgeklopft und diese Steine wurden dann am Wochenende von den Männern verarbeitet. Der alte Mörtel wurde feingeklopft und wieder verarbeitet. Dabei hat fast Jeder Jedem geholfen. Über alle Gewerke hinweg. Anders wäre so eine gigantische Aufbauleistung gar nicht möglich gewesen.“

Walter Rebmann. Foto: W. Härtel

Das Waldenbucher Urgestein Walter Rebmann erinnert sich:

„Die Neubürger gingen zusammen mit Alteingesessenen nach Stuttgart, um bei der Räumung von Ruinengrundstücken zu helfen. Dabei sicherten sie sich auch brauchbare Steine für eigene Bauzwecke, die dann mit dem Lastwagen nach Waldenbuch gefahren wurden. Zum Teil mussten die beladenen Lastwagen in Stuttgart über Nacht bewacht werden. Dabei soll es vorgekommen sein, dass sich ein Wachposten unter den Lastwagen legte und dann am Morgen den freien Himmel sah, weil in der Zwischenzeit Unbekannte den Wagen samt Steinen stibitzt hatten. Gute Steine waren sehr begehrt. Ich erinnere mich gut daran, dass in der Lettengrube am Weilerberg Lehmziegel gestrichen und ungebrannt verbaut wurden. Auch viele sonstige Abbruchsteine fanden in den neuen Häusern Verwendung.“

Die Beschaffung des Baumaterials war deshalb tatsächlich kein Problem. So wurde nach Feierabend und an den Wochenenden unermüdlich gemeinsam auf der Baustelle gearbeitet.

 

ca. 1955. Doppelhaushälfte Birkenweg 7 u. 9. Foto: Franziska Franz

Jede der neu erbauten Doppelhaushälften verfügte über zwei 2-Zimmerwohnungen mit Küche. Es gab einen Keller und für beide Häuser eine gemeinsame Waschküche, in der auch gebadet wurde. Die Kinder badeten in der Küche. Obwohl es zwei getrennte Häuser waren, gab es teilweise einen Durchgang zwischen den Häusern. Nur die beiden zuerst gebauten Gemeindehäuser wiesen einen diesbezüglich anderen Bauplan auf. Sie waren etwas größer und boten durch jeweils ein zusätzliches Zimmer mehr Platz (siehe oben), da hier von Anfang an mehr Personen untergebracht wurden.

Den Entwurf ihres Hauses machten die „Bauherren“ häufig auf der Grundlage anderer Häuser, die ihnen vertraut waren. Nicht selten wurde ein Entwurf verworfen, als dieser einem Architekten vorgelegt und von diesem kommentiert wurde: “Wer soll das bezahlen?“, lautete dabei die gängige Frage.

Zeitzeugen kramen in ihrer Erinnerung und berichten vom Leben in den ersten Jahren der Körber-Siedlung. Die Enge und zugleich die Hilfsbereitschaft der Menschen sind heute kaum noch vorstellbar.

 

Wasser musste man vom Hof holen

Theresia Mayer, geb. Schwab, Jahrgang 1933, aus Soroksar/Ungarn erzählt

ca. 1950. Die Schwab Mädchen mit Freundinnen im Schloßhof. Foto: Theresia Mayer

Wir kamen 1945 nach Waldenbuch. Ich war zwölf Jahre alt. Zunächst wohnten wir mit zehn Familien zusammen im Gasthaus Lamm. Nach etwa einem dreiviertel Jahr siedelten wir ins Schloss um, wo wir sechs Jahre bis 1952 in einem Zimmer wohnten. Meine Mutter war zuhause und versorgte die Familie. Gekocht wurde im Zimmer auf einem kleinen Herd mit zwei Platten. Wasser musste man im Brunnen im Hof holen. Da wir ganz unten wohnten, war das Wasserholen nicht ganz so beschwerlich. Schließlich sind wir dann in unser eigenes Haus auf dem Weilerberg gezogen.

Mein Vater hatte fünf Jahre lang an unserem Haus gebaut. Um Zeit für den Bau zu haben, begann sein Tag mit der Frühschicht bei Bosch. Er fing gegen 6 Uhr mit der Arbeit an und kam gegen 18 Uhr nach Hause, hat sich kurz gewaschen und bis gegen Mitternacht am Haus gebaut. Die Nachtruhe war kurz, denn der nächste Tag begann wieder mit der Frühschicht.

ca. 1960. Forchenweg 48. Haus Schwab, Besuch der Großmutter Franziska Schwab. Foto: Theresia Mayer

Unser Haus, ein Doppelhaus, wurde also in Eigenleistung erbaut. Es musste zunächst das Grundstück hergerichtet werden d.h. Bäume und Wurzeln galt es entfernen. Mit einfachen Werkzeugen wie Pickel und Schaufel wurde die Baugrube ausgehoben. Bei schweren Arbeiten war Nachbarschaftshilfe angesagt. Man half sich gegenseitig, so gut man konnte. Und das funktionierte gut! Wir hatten das Glück, dass der Nachbar des Doppelhauses, Franz Holzmann, gleichzeitig mit uns baute und vom Baufach war. Er unterstütze meinen Vater mit Rat und Tat. So wurde der Rohbau errichtet. Da mein Vater durch seine Arbeit Geld gespart hat, konnte er Material und Werkzeuge kaufen. Zement haben wir selber gemacht. Für den Innenausbau wurden schließlich Handwerker hinzugezogen.

Hühnerstall im Forchenweg. Foto: Theresia Mayer

Anfangs haben wir in einem kleinen Stall Hühner und Schweine gehalten. In unserer Straße wohnten nur Menschen aus Soroksar. Darunter war auch ein Metzger, der die Schweine schlachtete. Im Keller war ein großer Kessel, in dem das Fleisch und die Wurst verarbeitet wurde. Nach zwei oder drei Jahren haben wir mit der Schweinezucht aufgehört.

In der Freizeit sind wir jungen Leute runter zum Tanzen in die Krone und den Gasthof zur Post gegangen, wo ich auch einen Tanzkurs gemacht habe. Bei dieser Gelegenheit sind wir dann mit Einheimischen in Kontakt gekommen.

Auch in der Meinradsklause sind wir oft gewesen. Dort gab es ein elektrisches Klavier zur Unterhaltung. Gegenüber im Birkenweg eröffnete ein Waldenbucher einen Kolonialwarenladen, der von Frau Wehr betrieben wurde. Die Idee war, daß es sich bei unserer Siedlung um einen neuen Stadtteil handelte und deshalb ein Laden sicher eine Existenzgrundlage bieten konnte. Der Weg ins Städtle war halt weit und steil. Wir haben bei Wehrs oft eingekauft.

„Alt und Jung haben zusammen gewohnt“

Theresia Czopf, geb. Lux, Jahrgang 1940, aus Soroksar/Ungarn erzählt

„Im Mai 1946 kam meine Familie nach Waldenbuch, wo wir zunächst kurz mit 20 Personen im Gasthof Lamm untergebracht waren.

In den beiden städtischen Doppelhäusern am Forchenweg gab es ja je Wohnung drei Zimmer. Hier wohnten Familien mit 3-4 Kindern. Außerdem haben die Alten zusammen mit den Jungen gewohnt. Unter 5 Personen gab es niemanden, der in den städtischen Wohnungen lebte.

Mein Vater Adam Lux hat 1950 zusammen mit der Familie Sziedel unser Doppelhaus auf dem Weilerberg gebaut. Wir waren eine der ersten Familien, die mit dem Bau begonnen haben. Architekt war Dr. Wagner aus Waldenbuch, der später nach Amerika ausgewandert ist.

Von Beruf Lackierer, strich mein Vater die Türen der Leute in der Siedlung. Dafür haben die Nachbarn uns bei anderen Dingen geholfen. Der Sohn von Frau Sturm beispielsweise war Schlosser. Er brachte in den Häusern alle Schlösser an. So hat man sich gegenseitig geholfen. Wir hatten einen Schweinestall und hielten Hühner, wie alle anderen auch.

ca. 1960. Altes Schulhaus am Marktplatz. Foto: Elsbeth Surek

In der Schule waren wir die „Flüchtlingskinder“. Ich hatte eine Waldenbucher Freundin, die evangelisch war. Wenn sie Religionsunterricht hatte, habe ich mich einfach dazu gesetzt. Ohne Probleme hat Frau Essig, die Religionslehrerin, mich gewähren lassen. Durch die gemeinsame Nutzung der St. Veith Kirche von der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde im Städtle gab es nie ernsthafte Differenzen.

In unserem Haus haben bis heute fünf Generationen gewohnt! Künftig werden hier Menschen wohnen, die keinen Ursprung als Heimatvertriebene mehr haben.“

 

 

„Die Meinratsklause gab es nur für kurze Zeit“

Maria (Mitzi) Müller, geb. Wagner, Jahrgang 1930, aus Neudorf/Südböhmen

Kennzeichen für Deutsche in der Tschechoslowakei

Meine Eltern und drei Mädchen sind nach Budweis ins Lager gekommen. Dort mussten alle jungen Leute in Häusern von Juden Putzen gehen. Wir wurden von Soldaten abgeholt und auf die Häuser verteilt und mussten alle eine weiße Armbinde mit einem schwarzen N, gleich Nemec/Deutscher – festgenäht, tragen. Wir duften mit keinem Bus fahren. Mit einem Viehwagon wurden wir dann nach Altenburg/Thüringen gebracht. Dort blieben wir zwei, drei Tage. Weiter ging es nach Ruhla, wo wir bis Februar 1947 im Gasthaus Rose untergebracht wurden. Wir mussten unter den Tischen im Gasthaus schlafen. Später bekamen wir zu fünft ein Zimmer mit einem Stockbett. Gearbeitet habe ich in einer Nähstube.

Gasthaus Lamm mit Eiskeller rechts. Foto: Karl Leonhardt jr.

Eine meiner Schwestern kam 1946 von Österreich nach Waldenbuch und wohnte in der alten Turnhalle. Sie heiratete den Lehrer Franz Wiblinger. Das war der Grund, weshalb wir überhaupt eine Zuzugsgenehmigung für uns beantragen konnten. Wir waren noch zu fünft und wurden in dem Fachwerkhaus über dem Eiskeller vom Gasthaus Lamm zwangseinquartiert. Hier wohnte bereits meine Schwester mit Mann sowie ihre Schwiegereltern. Später kamen wir fünf noch dazu. Es gab nur einen großen Raum mit einer Küchenecke. Die Toilette war außerhalb. Wir waren also zu zehnt in einem großen Raum – aber wir waren froh, dass wir davongekommen waren.

Als ich nach Waldenbuch kam bin ich sofort dem TSV Waldenbuch beigetreten. Dort lernte ich meinen Mann, Walter Müller, kennen, der ein guter Fußballer war. Früher hat man eben gleich geheiratet. Ich war erst 20 Jahre alt, als wir im September 1950 geheiratet haben. Dann sind wir in das Haus meiner Schwiegereltern eingezogen. Wir hatten ein Zimmer. Noch ein Jahr lang habe ich gearbeitet und keine Kinder gehabt. Dann wurde meine Schwiegermutter (geb. Mundle, Nürtinger Straße) krank. Ich musste mit der Arbeit aufhören und meine Schwiegermutter pflegen. Später pflegte ich auch noch meinen Schwiegervater. 1953 kam mein erster Sohn, 1959 mein zweiter Sohn zur Welt.

Mein Vater konnte damals einen Bauplatz für eine Doppelhaushälfte im Birkenweg 8 (in der Nähe der Kirche) auf dem Weilerberg kaufen. Er musste die Baugrube selbst ausheben und deshalb Bäume fällen und Wurzeln ausgraben. Darauf wurde ein Fertighaus gebaut. Mein Vater war kein Handwerker und so konnte er nur zusammen mit uns Jungen beim Ausgraben helfen. Bei den Bauarbeiten haben uns viele Menschen geholfen, da ich einen einheimischen Mann geheiratet hatte. Im Dezember 1950 ist meine Familie in ihr neues Haus eingezogen. Ich wohnte damals bereits bei meinen Schwiegereltern. Im Erdgeschoss des neuen Hauses waren zwei Zimmer, eine große Küche, Abstellraum und Toilette. Im Obergeschoss gab es zwei Zimmer und eine kleine Küche. Hier wohnten meine Eltern. Für kurze Zeit wohnten meine Schwester und der Lehrer Franz Wiblinger im Obergeschoss. Sie haben später dann ihr eigenes Haus gebaut.

Die meisten Bewohner der ersten Stunde in der Siedlung waren Ungarndeutsche, davon ein Großteil aus Soroksar. Sudetendeutsche gab es in der Siedlung wenige, da auch wir erst später im Jahr 1950 in die Siedlung kamen.

Mein Schwager, Hermann Müller, hatte die Meinratsklause gebaut und einige Zeit betrieben,  später hat er sie verkauft. Diese Gaststätte gab es nur kurze Zeit.

Eine Glaubensgemeinschaft wächst: Kirche für die Katholiken

Da viele katholische Heimatvertriebene in rein evangelische Gebiete eingewiesen wurden, waren fehlte es dort an katholischen Einrichtungen. So auch in Waldenbuch: Es gab keine katholische Kirche. Der erste Gottesdienst der noch kleinen katholischen Gemeinde fand am 29. Oktober 1944 im Haus des Dichters Hans Heinrich Ehrler in der Liebenau statt. Später fanden alle vierzehn Tage Gottesdienste in der Sakristei der evangelischen

Stehle vor St. Meinrad. Bitte klicken für grössere Ansicht.

1950. Ursprünglicher Chor von St. Meinrad. Foto: Dr. Siegfried Werner. Bitte klicken für größere Darstellung

ca. 1960. Prozessionszug von der katholischen Kirche St. Meinrads in den Forchenweg. Foto: Iris Laber

Kirche St. Veith statt. Diese Vereinbarung zur großzügigen Nutzung bestand auf Basis persönlicher und geistlicher Freundschaft zwischen Stadtpfarrer Pfäfflin und Pater Mauritius Georg Schurr. Da wegen der Zuzüge weiterer katholischer Heimatvertriebener die Sakristei der ev. Kirche zu klein wurde, vereinbarte man schließlich am 12. Juli 1946 die künftige regelmäßige Überlassung von St. Veith an die Katholiken. So fanden z.B. wöchentlich katholische Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen zwischen 8 und 9 Uhr statt – eine Übergangslösung für einige Jahre, die nicht immer konfliktfrei war. Es wurde klar: Die Katholiken wollten und brauchten ihre eigene Kirche. Was lag da näher, als sie dort zu bauen, wo die meisten Katholiken lebten: An der Waldsiedlung am Weilerberg. Grundsteinlegung dieser Kirche mit Namen St. Meinrad (Patron aus dem 8. Jahrhundert) war am 30. Oktober 1949. In nur einjähriger Bauzeit konnte das neue Gotteshaus unter Mithilfe vieler Freiwilliger bereits am 22. Oktober 1950 geweiht werden. Erster Seelsorger dort war dort Pfarrer Ludwig Lohmer.

Fronleichnamsaltar am Wald. Johann und Anna Wagner mit Wolfgang Müller auf dem Arm. Foto Maria Müller

Die wie damals üblich sehr aufwendig gestalteten Fronleichnamsprozessionen der Anfangsjahre gibt es heute in der Gemeinde nur noch in vereinfachter Form. Sie wurden z.T. auch in andere Stadtteile verlagert. Früher gab es vier Altare: Forchenstüble/Fam. Stegner, Birkenweg/Wagner, Forchenweg/Scheiring, und im Wald/Marschall.

Einkaufen vor der Haustüre: Nahversorgung und Dienstleistungen

Nicht von den Heimatvertriebenen, sondern von Einheimischen wurden Geschäfte in der neuen Siedlung eröffnet. Man erwartete wohl, dass in dem neuen Ortsteil von Waldenbuch, der ursprünglich für bis zu 1.000 Bewohner angedacht war, gute Geschäfte zu machen waren. Dem war leider nicht so. Eine geplante Erweiterung der Siedlung wurde von Bürgermeister Ludwig Blümlein verworfen, ebenso die Errichtung weiterer städtischer Mietwohnungen. So war der Betrieb dieser Geschäfte nur von kurzer Dauer.

ca. 1950. Alte Molke an der Gänswiese. Foto: Ruth Brodführer

In den ersten Jahren kam von der alten Molke im Städtle täglich ein Milchwagen (kleiner Verkaufswagen) und verkaufte auch auf dem Weilerberg frische Milch, und Milchprodukte.

1960. Bäckerei Wilhelm Seeger, Marktstrasse 16. Foto: Hermann Seeger

Bäckermeister Wilhelm Seeger verkaufte auch täglich seine Backwaren. Von seinem Auto aus brachte seine Tochter Julie die bestellten Ware dann später an die Haustüre. Zudem kamen Bauern von Weil im Schönbuch und Echterdingen und verkauften Kartoffeln und Gemüse. Mittwochs, kam der Eiermann aus Steinenbronn. Auch Familie Pfannenschwarz von der Seitenbachmühle verkaufte ihre Waren auf dem Weilerberg. Andere Besorgungen musste man zu Fuß erledigen –  da brauchte es kein Fitnessstudio. Die Versorgung vor Ort in der Siedlung hielt an, bis man die ersten Autos kaufen konnte, also ca. Anfang der 1960er Jahre.

 

Kolonialwaren Wehr, Einkaufen im Birkenweg

Im Birkenweg 2, unweit der neuen Kirche gab es ein Lädle, dass von Frau Wehr geführt wurde. Hier wurde alles für den täglichen Gebrauch angeboten. Versuchsweise wurde auch eine kleine Gaststube eingerichtet.

Treffpunkt der Siedlung: Gaststätte „Forchenstüble“

1960er Jahre Forchenstüble, Postkarte

Die typischen Gäste des Forchenstübles im Forchenweg 20 waren anfangs hauptsächliche ältere Menschen aus der Siedlung. Man spielte Karten und fast jeden Abend wurde getanzt. Da gab es eine Musikbox. Es war lustig, es war schön, die Gäste fühlten sich wohl. Jeden Sonntag kamen Gäste nach der Messe zum Frühschoppen und es herrschte Hochbetrieb, Das Lokal war immer voll, trotz des begrenzten Angebots. Man konnte nur vespern und ein Bier von Schwaben Bräu dazu trinken.

Das Angebot des Forchenstübles paßte sich nach und nach den Menschen seines Stadtteils an. So gab es Schmalzbrote zu den Getränken. Zur Musik aus einer Musikbox wurde gerne in dem kleinen Raum getanzt. Später wurden auch Veranstaltungen mit Tanzkapellen genehmigt. Die angenehme Atmosphäre in der Wirtschaft wurde im Ort bekannt, so dass auch Gäste aus dem Städtle und von auswärts das Lokal besuchten.

Karl Neff, Waldenbucher Urgestein, Jahrgang 1944, berichtet aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit: „In den frühen 1960iger Jahren war das Forchenstüble bei uns Jungen sehr beliebt. Für uns Minderjährige, und deshalb noch ohne Führerschein, waren die Möglichkeiten in Waldenbuch außerhalb vom TSV unter sich zu sein begrenzt. Das Forchenstüble war Treffpunkt für Freunde, die gerne tanzten und gute Musik hören wollten. Das Forchenstüble hatte richtig gute und moderne Platten in der Musikbox. Es gab dort viele Tanzabende, ich glaube jeden Samstag und Sonntag. Bei meinen Eltern und deren Freunden hatte das Forchenstüble keinen guten Ruf,- es war Ihnen einfach suspekt was dort abging, doch mir ist dort nichts Verbotenes aufgefallen, vielleicht war ich aber einfach noch zu naiv. Als ich dann 1962 den Führerschein hatte, bin ich dann nicht mehr hingekommen, da war Stuttgart interessanter“. Theresia Czopf erzählt, dass nach dem Schließen der Meinradsklause die Jugend in das Forchenstüble wechselte: „Wir waren jung. Samstags gingen damals die jungen Leute hin zum Tanzen zur Musikbox. Sie kamen von überall“ Das Geld war knapp: Man hat sich an einer Cola den ganzen Abend festgehalten.“

Aus diesen wilden Zeiten im Forchenstüble gibt es manche Anekdote.

Ein Esel mit am Stammtisch

Herbert Neff, damals Lehrling, wettete darauf, in’s Forchenstüble einen Esel hineinzubringen. Dies wurde dann von Helmut Katzmaier in die Tat umgesetzt, – nicht nur zum Verdruss der Wirtin. Der Esel verhielt sich glücklicherweise ruhig, er hatte im Gegensatz zu den Stammtischlern kein Bier getrunken.

1987. Die ehemaligen Wirtsleute des Forchenstüble: Magdalena und Franz Stegner

Insgesamt gab es in der Zeit, als Franz Stegner und seine Familie die Wirtsleute waren, in der Siedlung einen sehr großen Zusammenhalt. Zum Tanzen ist neben der Jugend die ganze Nachbarschaft gekommen. Bei Fronleichnam Prozessionen wurde am Forchenstüble ein geschmückter Altar errichtet.

Die Gaststätten spielten im gesellschaftlichen Leben der neuen Siedlung eine wichtige Rolle. Doch der Versuch, eine stadtteileigene Gaststätte zu errichten, scheiterte nicht zuletzt wegen ständiger Klagen von Anwohnern wegen Lärmbelästigung. Die erste Konzession wurde 1956 an Franz Stegner erteilt, die letzte ging 1969 an Anna Nemeth. Zwischenzeitlich wurde das Forchenstüble 1967 unter dem Namen „Club 67“ weitergeführt, aber nach wenigen Monaten wieder geschlossen.

Ein Räuber in Waldenbuch: Der Haifischkopf

Eines Freitagabends saß ein lustiger Stammtisch junger Leute, hauptsächlich Sportler, im Forchenstüble beisammen. Die Beteiligten kamen aus Waldenbuch, Echterdingen und Dettenhausen. Nach einigen Bieren entstand die Schnapsidee einer Wette: Jeder sollte eine Lüge vortragen. Ein Mitarbeiter der Lebensmittelabteilung von Hertie in Stuttgart sagte, er bringe einen Haifischkopf vorbei. So gesagt, getan: Eines Abends stand er im Forchenstüble mit einem Haifischkopf, den er auf den Tisch stellte. Es gab eine Riesengaudi, selbst eine Zeitung berichtete darüber. Später am Abend fragte man sich, was nun mit dem Haifischkopf tun? Flugs wurde der Fischkopf einem Dettenhäuser Stammtisch-Bruder mit großem Mercedes 280 vor der Gaststätte auf die Kühlerhaube montiert. Und so wurde der Fischkopf auf der Motorhaube nach Dettenhausen gefahren. Ein neuer „Besitzer“ warf ihn am nächsten Morgen in den nächsten Bach. Das hatte eine offizielle Untersuchung zur Folge, wie solch ein Fisch wohl in die Aich kommen konnte.

 

Neue gegen alte Heimat: Die Fußball WM 1954

Hans Knoth, Jahrgang 1944, berichtet über eine Episode im Forchenstüble anläßlich der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 1954:

Zur Fußball WM 1954 hatte die Fam. Stegner das Forchenstüble zur Übertragung des Endspiels Ungarn – Deutschland vollständig umgeräumt. Alle Tische waren weggestellt und es gab nur noch Stuhlreihen. Es war proppenvoll, darum mussten wir Kinder vorne auf dem Fußboden sitzen. Für viele von uns war es überhaupt die erste Übertragung eines Spiels im Fernsehen.

Fritz Walter (l) und Ferenc Puskas – Foto: Imago

Das Brisante: Es wohnten damals viele Ungarndeutsche – so auch Fam. Stegner – auf dem Weilerberg. Deutschland gewann 3:2, was für viele nicht begreiflich war, da die Ungarn als klare Favoriten antraten. So kam es unter guten Nachbarn zu lebhaften Auseinandersetzungen. Wir als Kinder konnten das nicht verstehen, da wir doch beim TSV mit Ungarndeutschen zusammen in einem Team spielten. Zum Glück wandelte sich alles wieder zum Besten und wir spielten damals weiter Fußball auf dem Forchenweg, da Autos noch eine Seltenheit waren. Die Anwohner waren davon nicht immer begeistert, da es eben laut war. Wir wurden öfters ein paar Häuser weiter geschickt. Es war eine schöne Zeit.

Die gediegene Variante: Gaststätte „Zur Meinradsklause“

1987. Haus Forchenweg 6, früher Gaststätte „Zur Meinradklause“. Foto: Juergen Aurahs

Der Waldenbucher Kaufmann Hermann Müller baute 1948/49 das Haus. Er erhielt 1950 die Konzession für die Schankwirtschaft „Zur Meinradsklause“. Zusammen mit seiner Frau führte er neben der Wirtschaft ein kleines Lebensmittelgeschäft.

In der Gaststätte gab es ein elektrisches Klavier.

Die Wirtin war sehr penibel wegen des Eichen-Schiffsparkett-Boden im Gastraum. Kaum vorstellbar: Alle Gäste mussten deshalb ihre Schuhe ausziehen.

Die Heimatvertriebenen gründeten einen Sparverein, der von Eduard Möllner als Kassierer geleitet wurde. Für jeden wurde ein Sparbuch angelegt. Jeden Samstag konnte man ab 5 Mark einzahlen. Für ihre Nachbarn sammelte Theresia Czopf (geb.Lux) vom Forchenweg das Geld und zahlte es dann ein. War das Jahr vorbei wurde ein Fest mit Essen (Schnitzel und Salat) in der Meinradsklause veranstaltet. Dann wurde das angesparte Geld wieder zurückgezahlt. Die Geldeintreiberin war der Ehrengast und durfte umsonst essen. Das Haus der Meinradsklause wurde 1987 verkauft und ist heute ein Wohnhaus.

 

Eine Frage der Gesundheit: Medizinische Versorgung

Foto: Eberhardt v. Berg

Die ärztliche Betreuung der neuen Siedlung erfolgte durch die beliebten Landärzte Dr. med Harald Gerlach und Dr. med. Dietrich v. Berg. Sie praktizierten in Waldenbuch von 1947 an. Aufgrund ihrer Fürsorge und Kompetenz genossen sie bei ihren Patienten einen sehr guten Ruf. Auch als Geburtshelfer brachten sie eine Vielzahl von Waldenbucher Bürgerinnen und Bürger auf die Welt, woran sich heute noch manch einer erinnert.

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Eine Oase über der Stadt: Die Reinhold-Körber-Siedlung heute

19. Februar 2020. BM Michael Lutz überreicht dem Jubilar die Urkunde des Landes Baden-Württemberg. Rechts Ehefrau Lore Schneider. Foto: Stadtnachrichten Waldenbuch

2020 besteht die Siedlung nun schon 70 Jahre. Noch immer wohnen Menschen der ersten Generation hier. Der älteste Bewohner der Siedlung, Philipp Schneider, feierte dieses Jahr seinen 100. Geburtstag. Er ist in Altker, im ehemaligen Jugoslawien, geboren und verbrachte dort seine Kindheit und Jugend. Dann kam der Krieg und er wurde Soldat. 1944 flüchteten seine Eltern und kamen nach Waldenbuch. Als er 1948 aus der Gefangenschaft kam, wohnte er zusammen mit seinen Eltern zunächst auf dem Hasenhof. Nächste Station war dann das Gasthaus Linde, wo er bis zu seiner Hochzeit wohnte. 1952 war die Hochzeit und der Einzug ins Haus im Forchenweg 21, wo er heute noch mit seiner Ehefrau wohnt.

 

 

Zusammen mit seiner aus der Heimat geflüchteten Familie kam der heutige Jubilar im September 1948 in Waldenbuch an. Im Forchenweg ist er seit dem 6. September 1948 zuhause.

Vieles ist seit ihren Anfängen in der Siedlung gleichgeblieben. Bedingt durch Neu- und Umbauten, Generationswechsel sowie den Zuzug junger Familien mit Kindern hat sich die Altersstruktur nach und nach verjüngt. Die Siedlung ist in Waldenbuch immer noch ein begehrtes Wohngebiet.

Freundlicherweise wurde mir das unten abgebildete Foto, welches mit Hilfe einer Drohne gemacht wurde, von Sebastian Gabriel und Leon Kolb zur Verfügung gestellt:

2019. Teilansicht der Reinhold-Körber-Siedlung vom Westen aus gesehen. Foto: Sebastian Gabriel/Leon Kolb. Für eine größere Ansicht auf das Bild klicken!

Mein Dank: Günter Schwarz für seine Recherchen in den Gemeinderatsprotokollen und Ute Bierbach sowie Dr. Ulrike Felger für das Redigieren des Berichts.

Quellen:

  • Gemeinderatsprotokolle der Stadt Waldenbuch 1948 bis 1951.
  • Ziegler, Hans-Joachim, Geschichte der sieben Stadtteile auf den sieben Hügeln der Stadt Waldenbuch, Selbstverlag 1989.
  • Anne Lipp, Andreas Schmauder: Ein Jahrhundert Leben in Waldenbuch, Stuttgart 1996
  • 50 Jahre St. Meinrad auf dem Weilerberg, Herausgegeben von der Katholischen Kirchengemeinde St. Martinus Waldenbuch – Steinenbronn, Waldenbuch 2000.

Presse: Der frühe Tod des couragierten Schultes. Claudia Barner, Filder-Zeitung 25. Mai 2020

 

 

 

 

 

 

 

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