Oskar Blessing (1933)

Die kurze Amtsperiode eines Jungnazis

Waldenbuch musste nach der Machtergreifung von Adolf Hitler seine Gemeinde-strukturen dem neuen Geist anpassen. Nach der Gleichschaltung des Gemeinderats am 3. Mai 1933 wurde die Anzahl der Sitze von bisher 14 auf nur noch 8 Sitze verringert.

Amtseinführung von Bürgermeister Oskar Blessing am 19. Juni 1933. Foto: Stadtarchiv Waldenbuch

Davon entfielen 7 Sitze auf die NSDAP-Fraktion. Dem folgte die Absetzung von Bürgermeister Christian Gottlob Fischer, der nach achtundzwanzigjähriger Dienstzeit zurücktreten musste. An seiner Stelle wurde am 19 Juni 1933 der vierunddreißigjährige Notariatspraktikant Oskar Blessing als kommissarischer Bürgermeister von Waldenbuch eingesetzt. In seiner Antrittsrede erläuterte er mit aller Deutlichkeit seine kommunalen Ziele und seine politische Überzeugung: „Im Dritten Reich müssen die Rathäuser mit Kämpfernaturen besetzt werden. Er hoffe, daß das ihm vor 10 Jahren anläßlich seiner Tätigkeit als Notar.-Prakt. hier entgegengebrachte Vertrauen ihm auch jetzt wieder geschenkt werde. Derjenige, der bereit sei, am Aufbau Waldenbuchs im nationalen Sinne mitzuarbeiten, soll vollste Unterstützung finden, dagegen wird demjenigen, der gegen Waldenbuch und die Partei arbeite, der schärfste Kampf angesagt.“

Als erste Amtshandlung wies Blessing alle Beamten und Angestellten der Stadt schriftlich an, ihn mit „Heil Hitler“ zu grüßen:

Oskar Blessings erste Grußbotschaft. Das „Heil Hitler“ wurde im Waldenbucher Rathaus eingeführt!

Karsten Kohlmann vom Stadtarchiv Schramberg hat folgende Erklärung warum ein junger 34jähriger Praktikant damals eine solche Funktion ausüben konnte: „Die Einsetzung junger Bürgermeister war ein recht typisches Phänomen der nationalsozialistischen Machtübernahme in Südwestdeutschland. Der NSDAP gehörten ja sehr viele junge Leute an, für die sich 1933 viele (und oft auch spektakuläre) Karrieren eröffneten. Die NSDAP brauchte zudem auf einen Schlag sehr viel Personal – und setzte daher besonders auch in Landgemeinden, zahlreiche Mitglieder und Sympathisanten als (kommissarische) Bürgermeister ein, auch wenn sie von ihrer Qualifikation her oft kaum dazu geeignet waren.

Blessing bewarb sich für die im Juli 1933 ausgeschriebene Besetzung der Bürgermeisterstelle. Er war der Meinung  daß er als kommissarischer Bürgermeister „jedenfalls den Vorzug“ vor anderen Kandidaten habe. Er täuschte sich! Im September 1933 entschied sich das Amtsoberamt Stuttgart für den Verwaltungsfachmann, Parteigenossen und Gomaringer Bürgermeister Wilhelm Elsäßer. Dies geschah unter Protest der Stadträte, die lieber den Jungnazi behalten wollten. Die unrühmliche Zeit des Notariats Praktikanten währte also nur drei Monate!

 

Wer war Oskar Blessing?

Oskar Blessing wurde 1899 in Stuttgart geboren und wuchs in Schenkenzell im Schwarzwald auf. Er heiratete 1925 Amalie Alber aus Geislingen, die wohl verstarb, und 1939 Gretel Bendel aus Upfingen. Am 4. März 1933 trat er in die NSDAP ein.

ca. 1950. Oskar Blessing. Foto: Teck-Rundschau

Vor seiner Tätigkeit 1933 als Waldenbucher Bürgermeister hielt er sich 1922-1923 in Waldenbuch auf, war aber dort nachweislich nicht gemeldet. 1923-1925 war er für die Gemeinde Schenkenzell tätig und 1933 nur kurz kommissarischer Bürgermeister in Waldenbuch. In einem Nachruf des Teck-Bote vom 15.11.1061 bestand er in Stuttgart die Notariats-prüfung und war anschließend an verschiedenen württembergischen Städten im Notariat tätig. Später betätigte er sich als Wirtschafts- und Steuerberater. Im 2. Weltkrieg war er Leiter der Verwaltungs-abteilung der Kreissparkasse Nürtingen und später als Soldat.

Der Waldenbucher Walter Pfäffle erzählt folgende Episode, die sich 1952 ereignete: „Oskar Blessing  kam 1922 im Alter von 23 Jahren nach Waldenbuch als Notariatsgehilfe und wohnte in der Villa Herre im Alten Weg, die dem Uniformschneider August Herre gehörte. Meine Mutter war 17 Jahre alt. Deshalb kannten sie sich gut. Er kam aus Schenkenzell im Schwarzwald.

Aus Anlaß der Lossprechung nach bestandener Gesellenprüfung meiner ersten Lehre, war ich mit meinen Eltern 1952 in Nürtingen im Häussler-Bürgersaal. Die Feier wurde von der Innung veranstaltet und war mit einem Essen verbunden. Es wurden geladen der Lehrherr, der Lehrling und dessen Eltern geladen. Wir waren 20 Stifte. Es mussten also 80 Essen bezahlt werden, was dem Obermeister der Innung fürchterlich wehgetan hat.

Blessing war seit 1945 in Waldenbuch verschwunden und niemand wusste, wo er abgeblieben war. Bei meiner Lossprechungsfeier entdeckte mein Vater zwei Personen, die auf dem Podium saßen. Mein Vater sagte:“ Guck nuff, da hockt der Obermeister Müller und der Obernazi Blessing“. Meine couragierte Mutter (geb. 1905) sagte zu meinem Vater, sie gehe jetzt hoch und sag „Grüß Gott!“ Sie ging nach oben und sagte in voller Lautstärke: “Grüß Gott Herr Blessing. Ich sehe, Sie sind schon wieder in Amt und Würden“. Blessing bekam einen roten Kopf, nahm seine Tasche und verschwand“. Blessing war in der Funktion als Notarieller Beisitzer für den Obermeister anwesend. Mein Vater sagte schließlich:“ Das waren der Obermeister und der Obernazi“.

Am 15. September 1951 erschien in der Sonderbeilage der Teck-Rundschau ein Artikel  über Handwerkliche Traditionen und Zünfte von Oskar Blessing, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Nürtingen/Kirchheim Teck. Diese Funktion hat er bis zu seinem Tode am 14. November 1961 ausgeübt.

Quellen:
Anne Lipp, Andreas Schmauder: Ein Jahrhundert Leben in Waldenbuch, Stuttgart 1996
Stadtarchiv Kirchheim unter Teck / Teck-Bote
Stadtarchiv Schramberg, Carsten Kohlmann
Standesamt Göppingen
Stuttgarter Stadtarchiv
Kreisarchiv Böblingen

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