Ernst Lohmann

1942 von den Nazis  ermordeter Fotograf – Waldenbucher Motive

Beim französischen “Erbfeind” zur Fotografie

Sehr bekanntes Foto von Ernst Lohmann: Winter 1938. Transport eines kapitalen Eichenstamms auf dem Gelände des Waldenbucher Bahnhofs.

Wie es dazu kam

Im Laufe der Jahre sind mir immer wieder Bilder von Waldenbucher Ansichten aus dem Archiv des Fotografen “Ernst Lohmann” aufgefallen. Die Aufnahmen sind von herausragender Qualität und bestechen durch ihre Motivauswahl, Gestaltung und handwerkliches Können. Nur: Niemand  in Waldenbuch kannte besagten Menschen. So vermutete ich also zunächst das Werk eines ortsfremden Fotografen. Das hat sich jetzt endlich geändert: Im Zusammenhang mit einer Familienforschung ist mir Ernst Lohmann wieder begegnet. Er hatte vier Jahre lang in Waldenbuch gewohnt und eben auch gearbeitet. Seine Nichte, Ursel Stäbler, konnte mir die tragisch endende Lebensgeschichte berichten, die wiederum ihre Mutter, Julie Schick, ihr erzählt hatte. Meine weiteren Recherchen in verschiedenen Archiven und Museen des Landes ergaben schließlich folgendes Gesamtbild.

Vom Anfang zum Ende

Ernst Lohmann (1879-1942)

Der begnadete Fotograf Ernst Friedrich Hermann Lohmann, geboren 1879 in Bielefeld, heiratete 1920 in Friedrichshafen Hedwig Lina Fegert, geb. 17.02.1898 in Sulzbach an der Murr.1

Um Fotografie zu studieren reiste er zwischen 1923 und 1931 mehrmals mit seiner 19 Jahren jüngeren Frau nach Paris, wo die beiden auch zeitweise wohnten. Sie genossen das Leben in Frankreich und hatten viele Freunde mit denen sie später weiter korrespondierten.

ca. 1939. Hedwig spielte Violincello und Ernst sehr gut Klavier! Foto: Ernst Lohmann

Das Ehepaar war sehr musikalisch. Hedwig spielte Cello und Ernst spielte sehr gut Klavier, er war ein Künstler! Wahrscheinlich haben sich beide über die Musik kennengelernt. 1923 beantragte Ernst Lohmann in Stuttgart erstmals einen Reisepass für Frankreich. Man muss sich vorstellen – es waren gerade erst fünf Jahre seit Ende des 1. Weltkriegs vergangen. Aus der damaligen deutschen Sicht war es eine demütigende Niederlage gegen den “Erbfeind” Frankreich. Ein Deutscher, der in diesen Jahren das “Feindesland” Frankreich besuchte, machte sich damals sicherlich verdächtig – was später auch sein Schicksal bestimmte und ihm letztlich zum Verhängnis wurde.

1926. Reisepass für Ernst und Hedwig Lohmann 2

1938. Waldenbucher Schloss. Hier wohnten die Lohmanns.                         Foto: Ernst Lohmann

Nach seine Rückkehr aus Frankreich war er in Stuttgart in dem Atelier des renomierten Hofphotographen Edmund Lill in der Gymnasiumstrasse 6 tätig. Ein Fotograf, der insbesonder für Architekturaufnahmen bekannt war. Die Folgen der galoppierenden deutschen Hyperinflation lähmte das Geschäft allerdings. Die Kundenaufträge brachen weg. Die damals so beliebten Familienfotos waren für die Menschen nicht mehr bezahlbar, wenn man arbeitslos war – auch diese Einkommensquelle brach weg. Lohmann zog wohl deshalb mit seiner Frau im Februar 1934 von Stuttgart nach Waldenbuch, wo Hedwigs Eltern, Albert und Anna Fegert, in der Liebenau wohnten und eine Drechslerei betrieben. Die Lohmanns mieteten im Waldenbucher Schloss eine Wohnung und ein Fotoatelier.

Kitschpostkarte von Ernst Lohmann

Hier machte Ernst Lohmann seine bis heute bekannten Aufnahmen wie z. B. von Baumfällarbeiten im Schönbuch und dem Transport eines Baumstamms am Waldenbucher Bahnhof. Diese Fotos wurden als Postkarten verkauft und brachten ein wenig Geld. Daneben fotografierte er auch die typischen bürgerlichen Familienfotos, sowie sog. Kitschpostkarten, wie Kinder mit Tieren und Puppen.

Warum die Lohmanns 1938 nach Schwäbisch Hall umzogen, ist nicht bekannt. Vermutlich wollte seine Frau zurück nach Hohenlohe, wo sie aufgewachsen war. Auch hier hatte Lohmann wieder ein Fotogeschäft. Leider sind dem Stadtarchiv Schwäbisch Hall nur wenige Fotos von ihm bekannt: “Wir besitzen drei Aufnahmen von Ernst Lohmann. Eine ist eine Postkarte von 1941, die zweite ein Soldatenporträt und die dritte die Fotografie eines Gebäudes.”3

Tragische Ende im KZ Welzheim

Ernst Lohmann hatte viele Freunde in Paris mit denen er im ständigen Briefkontakt stand. Diese Briefe wurden von der Gestapo abgefangen. Der Fotograf wurde 1942 nachts abgeholt und in das „Schutzhaftlager“ Welzheim (umgangssprachlich auch KZ Welzheim) verbracht und kam nie mehr wieder. Man behauptete, er sei ein Vaterlandsverräter und Spion für die Franzosen, da seine Briefe verschlüsselte Informationen enthielten. Wochen später erhielt seine Hedwig die Nachricht, dass ihr Mann an Herzversagen – die damals übliche fingierte Todesursache – gestorben sei. Ab diesem Tag rührte Hedwig ihr Violincello nicht mehr an.

Das „Schutzhaftlager“ Welzheim wurde 1935 eingerichtet. Es diente der Gestapo häufig als Durchgangslager und war für viele Häftlinge nur eine Station auf dem Weg in andere Konzentrationslager. Die Politische Polizei bzw. die Gestapo nutzen das Lager zudem als eine Art „Hausgefängnis“ und für zeitlich befristete Inhaftierungen. Das Museum Welzheim und der historische Verein Welzheimer Wald e.V. haben sich um die Aufarbeitung des ehemaligen KZ beschäftigt und einen Flyer zu diesem dunklen Teil der Regionalgeschichte herausgegeben.

In Welzheim wurden zahlreiche Menschen, vor allem Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion, hingerichtet. Im nahe gelegen Steinbruch wurden sie von der Gestapo erhängt oder erschossen.

Auszug aus Seite 39 und 103

Die Geschichte des Lagers wurde von Gerd Keller und Graham Wilson in zwei unabhängigen Dokumentationen recherchiert, die sie gemeinsam in einer Broschüre veröffentlichten.Darin wird Ernst Lohmann in zwei Tabellen erwähnt. In der Liste lt. Sterbebüchern auf Seite 39 der in den Jahren 1940-1945 verstorbenen Insassen des Polizeigefängnisses Welzheim ist der Sterbetag mit 24. März 1942 und der Ort der Beerdigung mit einem Fragezeichen angegeben. Interessant ist der zweite Eintrag auf Seite 103: Während in dieser Todesliste mit insgesamt 63 Einträgen bei den meisten Toten der Ort der Beerdigung (überwiegend Welzheim und Tübingen) angegeben ist, ist bei Lohmann und einem weiteren Opfer lediglich “verbrannt” vermerkt. Über den Grund lässt sich nur spekulieren. Ein Hinweis auf seinen körperlichen Zustand nach Verhören und Folter findet man in dem Protokoll des Treffens ehemaliger Häftlinge der Lager Heuberg, Kuhberg und Welzheim am 29.9.1955 4 Zu Lohmann berichtet ein ehemaliger Häftling  “… Kamerad… aus Stgt.-O, wohnhaft in Heidenheim, der schweren Mißhandlungen ausgesetzt war. Desgleichen an den Photographen Lohmann aus Heidenheim, der getötet worden ist…”

Waldenbucher Reaktionen

Wenn Ursel Stäblers Mutter erzählte, wie man Ernst gekannt hatte, bleibt er als feinsinnig liebenswerter, gebildeter Mensch und Künstler in Erinnerung. Die Nachricht seines Tods ging 1942 in Waldenbuch wie ein Lauffeuer um. Die örtliche NSDAP Parteiführung war wohl vermutlich informiert. Lohmann wurde als Vaterlandsverräter und Spion gebrandmarkt. Für seine Schwiegermutter wurde damals der Gang nach Waldenbuch ein Spießrutenlauf, ob des Getratsches und der Beschimpfungen der Leute.

Lohmanns Witwe heiratete am 21. Dezember 1944 in Schwäbisch Hall den Vermessungsrat Hermann Meyer zu Kapellen. Hedwig Meyer verzog am 17. September 1945 nach Twiste Waldeck im Kreis Arolsen (Wetterburgstr. 32). Kinder sind in den Archiven keine vermerkt.

Wolfgang Härtel im November 2022

Dank an

Ursel Stäbler. Ohne Sie wäre dieser Bericht nicht entstanden
Dr. Uli Felger. Für das Redigieren und journalistische Überarbeitung
Archivare und Mitarbeitern von Museen, die Infos zur Verfügung gestellt haben

 

Auswahl Waldenbucher Motive von Ernst Lohmann

Wolfgang Härtel – im November 2022


 

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  1. Standesamt Waldenbuch[]
  2. Staatsarchiv Ludwigsburg []
  3. Stadtarchiv Schwäbisch Hall []
  4. Ordner Heuberg im VVN-Archiv (https://bawue.vvn-bda.de[]