Das Sägewerk Baumann

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ca. 1934. Sägewerk Baumann, Gebäude v.l.: Maschinensaal mit Schreinerei und Dreherei, Wohnhaus, Kesselhaus mit Dampfmaschine, 20 Meter hoher Kamin. Nicht zu sehen links ist das Holzlager mit der Gattersäge. Für eine grössere Ansicht auf das Bild klicken.

 Einleitung

Fragt man heute in Waldenbuch jemand nach dem ehemaligen Sägewerk Baumann erntet man meist nur unverständliches Schulterzucken. Fügt man zu der Frage noch den Hinweis „Auch-Areal“ hinzu, dann weiß jeder sofort Bescheid. Eigentlich schade, daß nur die letzte Nutzung des Grundstücks durch den Flaschnereibetrieb Auch im Gedächtnis geblieben ist und nicht das in mehrerlei Hinsicht interessante Sägewerk Baumann.

Karte

Standort des ehemaligen Sägewerks Baumann. Seit 2013 wird die Fläche als öffentlicher Parkplatz genutzt. Der Kartenausschnitt enstammt einer Veröffentlichung der Stadt Waldenbuch anläßlich des 650 Jahre Jubiläums 2013.

 

ca. 1907,

1908, Lage des Sägwerks Baumann. Blickrichtung NO. Für grössere Ansicht auf das Bild klicken.

So fing es an – Gebrüder Stroh

In den Unterlagen des Bauamts Waldenbuch findet man erstmals in Bezug auf das spätere Sägewerk Baumann ein Baugesuch des aus Calw stammenden Kaufmanns, Gustav Stroh, von 1898 „betreffend die Erbauung eines einstöckigen Magazingebäudes mit Querhaus auf Parzelle 961/1 an der Haupt-Strasse“, d.h. ein Grundstück am Rande des Städtles südlich der Aich. 1907 erfolgte dann die Erweiterung seiner Holzhandlung durch den Anbau eines Maschinen- und Kesselhaus nebst Kamin, sowie einer Werkstatt an die bestehende Dreherei (Drechslerei). Später kam das Sägewerk hinzu.

Laengenansicht_1907

1907 Südliche Längenansicht


Im Gegensatz zu den damals 13 Waldenbucher Mühlen war dieses Sägewerk das einzige, obwohl an der Aich gelegen, das nicht mit Wasserkraft, sondern mit einer Dampfmaschine, die über einen Generator elektrische Energie erzeugte, betrieben wurde. Der Grund lag in der fehlenden Wasserkonzession. Zusammen mit seinem Bruder, Hermann Stroh, einem Kaufmann, führte Gustav Stroh die Geschäfte bis zu seinem Freitod 1908. Er wurde nur 53 Jahre alt. Hermann Stroh verließ daraufhin im gleichen Jahr Waldenbuch und siedelte sich in Friedrichshafen an. Das Sägewerk stand nun zum Verkauf.

 

Von Kirchheim unter Teck nach Waldenbuch

Ernst Baumann und seine Söhne Karl und Ernst Hermann, betrieben in Kirchheim unter Teck lt. Gewerbekataster Kirchheim zwischen 1895 und 1905 eine Dampfdreherei, einen Obstmühlebetrieb sowie eine Fleischhackerei.

1895_Ernst_Baumann_Anzeige

 

 

 

 

 

 

In einer Anzeige im Kirchheimer Adressbuch von 1895 wirbt Ernst Baumann zusätzlich als „Bandsägerei für jede Holzwaren-Branche und Brennholz-Sägerei“. Nach seiner Ausbildung im väterlichen Betrieb musste sich Sohn Ernst Hermann eine eigene Anzeige Geschäftsübernahme, Filder-Bote 26.03.1908Existenz aufbauen, da er den väterlichen Betrieb nicht übernehmen konnte. Durch seine Heirat mit Amalie Unger, Tochter einer wohlhabenden Kirchheimer Familie, und deren Mitgift, konnte das Sägewerk in Waldenbuch 1908 erworben werden.

Amalie

1930. Amalie Baumann (Mitte) bei einem Ausflug des Handels- und Gewerbevereins Waldenbuch

Amalie Baumann, eine elegante und gebildete Frau war im dörflichen Waldenbuch etwas Besonderes. Aus der Ehe mit Ernst Hermann Baumann entstammen 4 Söhne (Ernst Rudolf, Max, Hans und Wilhelm) und 3 Töchter (Käthe, Lotte und Berta). Nach Besuch der Grundschule in Waldenbuch gingen die Söhne aufs Gymnasium nach Kirchheim, wo sie die Woche über bei Verwandten wohnten. Dies erforderte weite Fußmärsche von Waldenbuch nach Nürtingen um von dort mit dem Zug weiter nach Kirchheim zu fahren. Später studierten sie in Esslingen bzw. Kirchheim.

Ernst Hermann Baumann baute 1923/24 seiner Frau als Alterssitz in Kirchheim ein Fachwerkhaus. Eine Anerkennung für das Geld dass sie in die Ehe eingebracht hatte. Eine kluge Entscheidung, wie sich später herausstellte. Das für den Hausbau benötigte Holz wurde im Waldenbucher Sägewerk geschnitten und mit Pferdefuhrwerk nach Kirchheim gefahren.

Sägewerk Ernst Baumann

Der Betrieb war ja nagelneu und entsprach damals dem technisch neuesten Stand. Lediglich fehlte es im Laufe der Jahre an genügend Wohnraum, da die Familie immer größer wurde. So wurde 1911 das Drehereigebäude um eine Etage mit einer Veranda und einem Balkon aufgestockt.

1911, Südliche Längenansicht

1911, Südliche Längenansicht zum Baugesuch wegen Aufbau einer Wohnung.

Friedrich Pfannenschwarz, Säger im Sägewerk Baumann

Friedrich Pfannenschwarz

Das Sägewerk wurde von Ernst Hermann Baumann zusammen mit dem Waldenbucher Säger Friedrich Pfannenschwarz betrieben. Es wurden Baumstämme gesägt, Dachkonstruktionen und Bauholz sowie auf Wunsch Kleinmöbel in Einzelfertigung hergestellt.

Hans-Joachim Ziegler schreibt 1989 in seinem Buch Geschichte der sieben Stadtteile:“Die Sägemühle sah durch den großen Kamin schon eher industriemäßig aus. Der war aber nur ein Überbleibsel der Dampfmaschinenzeit und rauchte in den 20er Jahren wenig. Das Sägewerk hatte eine (horizontale) Gattersäge, die genauso elektrisch angetrieben wurde, wie die Maschinen der Werkstatt. Charakteristisch war damals der Keilriemenantrieb, der die Antriebskraft von der Hauptwelle an der Decke mit vielen breiten Riemen an alle verschiedenen Arbeitsplätze übertrug. Man stellte allerlei Holzwaren her. Da es die Bundesstraße noch nicht gab, und der Holzplatz nicht allzu groß war, kann man sich die Lage des Sägewerks an der noch nicht verdohlten Aich inmitten der Gärten friedlich-idyllisch vorstellen.

1997. Hans-Joachim Ziegler

1997. Hans-Joachim Ziegler

Es war noch möglich, daß die Kinder bei weniger Sägebetrieb mit dem Rollkarren spielen konnten, mit dem man sonst die Baumstämme zur Säge brachte. Auch die Erwachsenen hatten ihr Spielzeug gleich nebenan: eine schöne alte Holzkegelbahn, eine Art langgestrecktes Gartenhaus mit vielen Holzrahmenfenstern, durch die der Wind pfiff. Da schlug noch Holz auf Holz und man mußte nach dem Werfen die Kegel von Hand aufstellen. Oh geruhsame alte Zeit, dazu schmeckte bestimmt das frischgebraute Bier vom Lammwirt Müller in der Grabenstraße.“

Das Zeitalter der Dampfmaschine ging allmählich dem Ende zu, da diese Technik Unmengen an immer teurer werdender Kohle verbrauchte. So wurde Kesselhaus, Dampfmaschine und Schornstein stillgelegt. Die elektrische Energie bezog man mittlerweile aus dem Stromnetz, das um 1920 endlich auch Waldenbuch erreichte.

Danksagung für Ernst Baumann. Filder-Bote 05.12.1028Viel zu früh im Alter von 49 Jahren verstarb Ernst Hermann Baumann 1928. In seinem Nachruf schreibt Stadtpfarrer Richard Essig: „Eine ergreifende Trauerfeier mußten wir in der Frühe des 1. Advent vor Beginn des Festgottesdienstesvor der Wohnung des am 30. November jäh an einem Herzschlag verstorbenen Ernst Baumann, Sägwerksbesitzers hier, halten. Was diesen Trauerfall besonders schmerzlich gestaltete, war nicht allein das plötzliche und unerwartete Hinscheiden des Entschlafenen, der so jäh mitten aus erfolgreicher Tätigkeit und arbeitsfreudigem Schaffen gerissen wurde, sondern vor allem auch der Umstand, daß der Entschlafene eine Frau mit 7 Kindern hat zurücklassen müssen, von denen die beiden Jüngsten zwei Knaben im Alter von 14 und 12 Jahren sind. Vierzehn Tage zuvor war der so jäh aus dem Leben Gerissene noch mit seinen Altersgenossen auf der Fünfzigerfeier. Wer mochte damals beim Abschiednehmen ahnen, daß so schnell eins aus der Reihe herausgenommen wurde! Dem Wunsch der Seinigen gemäß wurde der Entschlafene in seiner Vaterstadt Kirchheim u. T. beerdigt. Vor der Überführung dorthin versammelten sich viele Gemeindeglieder vor dem Trauerhause in der Frühe des 1. Advent zu eindrucksvo1ler Abschiedsfeier, in der der Liederkranz, Turnverein und Musikverein mitwirkten. Nach Gebet und Segen läuteten unsre Glocken dem Entschlafenen zur letzten Ruhe. Welcher Wertschätzung der fleißige und geschäftskundige Bürger sich in unserer Gemeinde erfreute, davon legte auch das stattliche Geleite Zeugnis ab, das zahlreiche hiesige Gemeindeglieder dem Entschlafenen zu seiner letzten Ruhestätte nach Kirchheim hinüber gaben. Das Schriftwort, unter das die Trauerversammlung gestellt wurde, lautete: »Seid ihr auch geduldig und stärket eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe« (Jakob. 5, 8). Den Hinterbliebenen aber, die in so schwere, große Trauer versetzt wurden, reiche der Herr aus seinem heiligen Worte reichlichen Trost dar. »Ich habe Gedanken des Friedens und nicht des Leide«, spricht der Herr.“

Ernst Hermann Baumann hinterließ seiner Witwe auch das Sägewerk! Und das mit sieben Kindern! Was für eine Bürde! Der Betrieb wurde bis ca. 1943 von Friedrich Pfannenschwarz zusammen mit Amalie, die sehr geschäftstüchtig war, so gut es ging weiter geführt.

Sprengung des Schornsteins

Zum Lesen des Berichtes auf die Grafik klicken.

Zum Lesen des Berichtes im Original, bitte auf die Grafik klicken.

1935 war durch die Verlegung der Reichsstrasse 27 innerhalb Waldenbuchs die Entfernung des Schornsteins notwendig geworden. Ein Ereignis für Jung und Alt in Waldenbuch. Die Zeitung „Filder-Bote“ berichtete ausführlich darüber:

„Ein Kamin wird gesprengt Waldenbuch, 21. Sept. Am Freitag früh um 7 Uhr fuhren zwei Lastkraftwagen mit ‚Schupo‘ beladen singend in unser Städtchen ein. Man wußte bereits, daß etwas ‚los‘ ist heute, und kurz nachdem die ‚Schupo‘ beim Sägwerk Baumann halt gemacht hatte, belebten sich die Straßen und Wege immer mehr, bis zuletzt fast die ganze Einwohnerschaft, die Schulkinder natürlich nicht ausgenommen, auf den Beinen war, um die Um legung des 22 Meter hohen Schornsteines des Baumann‘ schen Sägewerks mitanzusehen. Durch die Verlegung der Reichsstraße Nr. 27 innerhalb unseres Städtchens (Umgehungsstraße) ist die Entfernung dieses Schornsteines notwendig geworden. Mit der Sprengung wurde die 2. technische Landespolizei-Hundertschaft von Eßlingen unter Führung von Hauptmann Geiger betraut. Dem Schornstein wurde mit Preßluftbohrern auf den Leib gerückt.


Kaminsprenung

1935. Vorbereitung zu Kaminsprengung. Fotos: E. Lohmann, Waldenbuch

Kamionsprengung

Mit einem Knall ist alles erledigt! Die Umgehungsstrasse kann gebaut werden.

 

 

 

 

 

 

 

 


Die Sprengladung, welche mit dem mit einer elektrischen Leitung versehenen Zünder verbunden war, wurde in die Bohrlöcher eingegipst. Nachdem der untere Teil des Schornsteines gut mit Preßstroh abgedeckt war, konnte die Sache losgehen. Trompetensignale verkündeten die bevorstehende Sprengung. Ein Druck auf den Knopf des Zündapparates, ein kanonenschußähnlicher Knall und der Schornstein legte sich zuerst langsam, dann immer schneller sich neigend genau auf den hierfür vorgesehenen Platz. Die Sprengung war für jung und alt ein Erlebnis und für die Hundertschaft der Landespolizei das Zeugnis eines aus gezeichneten Ausbildungsstandes.“

Nach dem Tod ihres Vaters sind – der Not gehorchend – dann die Söhne Ernst Rudolf (gelernter Kaufmann und Zimmermann), Max (Feuerwehr) Hans (Ingenieur) und Wilhelm (Elektroingenieur) neben Studium und Berufsausbildung in den Betrieb eingestiegen und haben ihn zunächst provisorisch weitergeführt.

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Glasermeister Paul Burkhardt jun.

Glasermeister Paul Burkhardt jun. (Jahrgang 1928), dessen Werkstatt in der Nähe war, kannte Ernst Rudolf Baumann, der noch selbst die Gattersäge eingestellt und bedient hat. Er erzählt, über die Baumannsche Schreinerwerkstatt, die mit einer Bandsäge und einer Hobelmaschine ausgestattet war: „Mein Vater, Paul Burkhardt sen. (1985-1978), hat sein Fensterholz damals selbst bei Baumanns ausgehobelt und anschließend in seiner Werkstatt weiterverarbeitet. Wir hatten zwar eine kombinierte Fräse und Kreissäge, aber keine Hobelmaschine um das Holz glatt zu hobeln. Als Schulbub habe ich da noch mitgeholfen. Die erste Hobelmaschine haben wir erst 1940 angeschafft, sie existiert aber heute noch.“

Dann kam der Krieg, alle vier Söhne sowie Friedrich Pfannenschwarz wurden zum Militärdienst eingezogen. In dieser Zeit war der Betrieb praktisch verwaist, da keine Männer mehr da waren. Sohn Max fiel „für Führer und Vaterland“ im Krieg 1944. Als die Franzosen 1945 nach Waldenbuch kamen wurde Ernst Rudolf Baumann festgenommen. 1948 kehrte er aus französische Kriegsgefangenschaft in Quinsac bei Bordeaux zurück..

 

 

Nachkriegszeit

Das Sägewerk wird verpachtet

Zimmerermeister Jakob Fath

Zimmerermeister Jakob Fath

Die Söhne Ernst Rudolf, Hans und Wilhelm hatten ihre eigenen beruflichen Pläne und kein Interesse mehr am Sägewerk, weshalb es ab ca. 1945 an den heimatvertriebenen Zimmermann Jakob Fath verpachtet wurde. Er hat den Zimmerplatz übernommen und mit dem Horizontalgatter Holz geschnitten. Damit konnten dicke Eichstämme gesägt werden.


In den 1950er Jahren hat der Architekt Ernst Hohenstein einige Jahre lang ausziehbare Bodentreppen der Marke HOWA (Hohenstein-Waldenbuch) in Baumanns Maschinensaal gefertigt. Als Architekt fand er kein entsprechendes Produkt auf dem Markt, so dass er es selbst herstellte, vertrieb und montierte.


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Wenn Sie mehr über HOWA Bodentreppen wissen wollen, bitte auf das Bild klicken


Das Foto links zeigt Ernst Hohenstein im Jahre 1974. Auf dem Bild rechts posiert Ernst Rudolf Baumann neben dem Lieferwagen von Ernst Hohenstein. Der umgebauten Opel 1,2 Liter, Baujahr 1934, hatte einen Pritschen-Aufsatz (heute: Pickup) mit dem die Bodentreppen damals zum Kunden transportiert wurden.

Ein volles Haus

In dem Wohnhaus in der Tübinger Straße wohnten teilweise 6 Partien mit vielen Kindern. Es war alles sehr beengt. Hier wohnten Berta, Lotte, Hans und Ernst Rudolf mit ihren Familien sowie Großmutter Amalie. Es war für alle eine tolle aber auch schwere Zeit, mit vielen Konflikten im Haus. Zusätzlich wurde 1948 im Wohnhaus des Sägewerks die wohnungslose Familie Braun einquartiert, die durch ihren asozialen Lebensstil viel Unruhe in das Haus brachten. Schließlich wurde die Familie Braun ca. 1954 von der Polizei  umquartiert. Wenn die Studentenverbindung Wingolf in Waldenbuch ihre Konvente abhielt waren auch immer Studenten im Hause Baumann einquartiert.

 

Das Ende des Sägewerks

Nach dem Tod von Amalie Baumann in 1964 konnte das Sägewerk nicht mehr weiter betrieben werden. Jakob Fath der das Rentenalter erreicht hatte zeigte kein Interesse an der Weiterführung des Betriebes. Deshalb wurde 1966 das Sägewerk von der Erbengemeinschaft an den Waldenbucher Flaschner Heinrich Auch verkauft, der auf dem Gelände nach diversen Umbauten seinen Betrieb errichtete. So wurde z.B. die Gattersäge verschrottet, der Holzschuppen abgerissen (siehe auch unter Episonen) und als überdachter Lagerplatz für die Werkstatt genutzt. 1970 führte Sohn Hans Auch den Betrieb weiter und übergab im Jahr 2000 den Betrieb an Hans Auch’s Sohn Ulrich Auch. Das Betriebsgelände wurde weiter genutzt bis zum Umzug 2010 in den Neubau auf dem Bonholz.

2015 wurde das Grundstück, im Volksmund genannt „Auch-Areal“, als öffentlicher Parkplatz genutzt. Über eine endgültige Nutzung muss noch entschieden werden.

 

Episoden

Elektrische Licht und andere Wohltaten

Zu dieser Zeit um 1911 wurde Waldenbuch noch nicht mit Strom versorgt. Das geschah erst Mitte der 20er Jahre. Da aber die Post und das Rathaus elektrisches Licht benötigten wurde von dem Sägewerk Baumann, die ja für ihren Betrieb eigenen Strom erzeugten, extra eine Stromleitung gelegt, damit den Beamten die Erleuchtung kommen sollte. Damals kam auch die Wasserleitung vom Ammertal her, und dann kam 1928 die Eisenbahn. Für Waldenbuch waren dies die größte Umwälzungen des ganzen Jahrhunderts.

Einweihung der Eisenbahn 1928

Dieses Großereignis für Waldenbuch wurde mit einem Festzug würdig gefeiert. Alles was in Waldenbuch Rang und Namen hatte, insbesonders Handwerker, nahmen mit einem eigenen geschmückten Festwagen teil. So auch das Sägewerk Ernst Baumann.

22. Juni 1928. Festzug der Sägerei Baumann in der Vorderen Seestrasse. 1. v. links: Ludwig Ebinger. 2. v.r.: Amalie Baumann; 3. v.r.: Ernst Baumann.

22. Juni 1928. Festzug der Sägerei Baumann in der Vorderen Seestrasse. 1. v.l.: Ludwig Ebinger. 2. v.r.: Amalie Baumann; 3. v.r.: Ernst Baumann. Für eine größere Darstellung auf das Foto klicken!

Stadtpfarrer Richard Essig beschreibt in seinem Heimatboten von Waldenbuch, Nr. 7/1928: „daß in des Schönbuchs Waldungen noch immer schöne Hölzer heranwachsen, führte uns Sägwerkbesitzer Baumann vor Augen mit seinem Eichenriesen, der auf einem von 4 Pferden gezogenen Wagen befördert werden und ein ordentliches Gewicht gehabt haben mußte. Die kleine Berta Baumann in einer Tracht saß hoch droben auf dem mächtigen Stamm.“

Die rote Fahne auf dem Kamin

Als ein Zeichen des Protestes gegen die Machtergreifung der Nationalsozialisten diente der 20 Meter hohe stillgelegte Kamin Objekt eines Protestes gegen die gerade etablierte NS-Herrschaft gewesen, von dem heute noch Nachfahren der beteiligten Waldenbucher nicht ohne Stolz erzählen: Ein junger Antifaschist hatte es geschafft, nachts Anfang Februar 1933 nach der Machtergreifung den engen, hohen und rußigen Kamin innen hochzuklettern und oben eine rote Fahne aufzupflanzen. Was für eine Schmach am anderen Morgen für die siegessichere SA Waldenbuchs. Aber wie die rote Fahne wieder herunterholen? Die ortsansässigen SA-Leute schafften es nicht hinaufzuklettern. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als ein mächtiges Feuer im stillgelegten Kamin zu entfachen, das erst nach vielen Stunden und unter gewaltiger Rauchentwicklung die rote Fahne schließlich zu Fall brachte. Und alle Gegner der SA lachten sich ins Fäustchen, daß das ganze Städtle die Blamage mitbekommen hatte. Vgl. Hans-Joachim Ziegler, Geschichte der sieben Stadtteile, 1989.

Samstag war Badetag

Walter Pfäffle erzählt: „Als junges Mädchen konnte meine Mutter, Emma Pfäffle, die mit Käthe Baumann, älteste Tochter der Baumanns, befreundet war, jeden Samstag bei Baumanns ein warmes Bad nehmen. Eine Luxussituation im damaligen Waldenbuch. Man hatte ja durch die Dampfmaschine, die nicht kalt werden durfte und deshalb ohne Unterbrechung Tag und Nacht laufen musste, ständig heißes Wasser in einem Boiler zur Verfügung. Da es damals noch keine Warmwasserleitung gab, musste man das heiße Wasser mit Kübeln in die Badewanne gießen.“

 

Nachhaltige Nutzung des Holzschuppens

Den Abriss des Holzschuppens hatte Flaschnermeister Hans Auch in einem landwirtschaftlichen Blatt ausgeschrieben als „kostenlose Abgabe gegen Abruch“. Daraufhin meldete sich ein Arzt aus Ulm, der in Ungarn eine Weingut besaß und den Schuppen dort wieder aufbauen wollte. Der Schuppen mit allem drum und dran wurde fachmännisch demontiert und mit einem Tieflader nach Ungarn befördert. Der Abbruch des Schuppen erwies sich so als ein Gewinn für beide Seiten.

 

Fotogalerie

 

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