Hans Landenberger, Jahrgang 1926 – Finstere Zeiten

2017. Hans Landenberger in seinem Garten

Hans Landenberger war bis 1999 Inhaber der ESSO Tankstelle und Kfz.-Werkstatt, Nürtinger Strasse 4, in Waldenbuch

Ausbildung (1940-1943)

1940. Hans Landenberger

Begonnen habe ich meine Ausbildung zunächst beim Daimler als Mechaniker. Ein halbes Jahr war ich in Untertürkheim in der Lehrlingsabteilung. Aber ich habe meine Mutter so lange gebettelt:

“Ich will doch kein Mechaniker werden, ich will doch Automechaniker werden“.

Meine Ausbildung als Automechaniker-Geselle habe ich dann in der Mercedes Niederlassung in Stuttgart am Hegelplatz gemacht. Morgens bin ich jeden Tag mit dem ersten Zug so gegen 5 Uhr von Waldenbuch zum Stuttgarter Hauptbahnhof gefahren und weiter bis zum Hegelplatz gelaufen. Insgesamt war ich hin- und zurück drei Stunden unterwegs.

 

Reichsarbeitsdienst, Militärdienst und Heimkehr (1943-1945)

RAD Arbeitsmann Hans Landenberger

Eine Woche nach der Gesellenprüfung im Jahr 1943 erhielt ich den Einberufungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst (RAD) nach Germersheim. Im April 1944 wurde ich nach Paris zur RAD-Flak beordert. Wir sollten amerikanische Bomber abschießen, die nach Deutschland unterwegs waren.

Krad-Melder Hans Landenberger

Irgendwann folgte unsere Umkleidung von RAD-Uniformen in Uniformen der Wehrmacht und eine Ausbildung In Ludwigsburg zum Krad-Melder.

Nun sollten wir mit dem Lastwagen Richtung Bayern fahren. Als wir in Donauwörth ankamen, waren alle Brücken gesprengt. Was tun? Über die Donau kommen wir nicht mehr rüber. Mit einem kleinen Boot mit Außenborder wollten wir auf das andere Ufer der Donau übersetzen, doch in der Mitte des Flusses fiel der Motor aus.

1944. RAD Flakhelfer, vor Paris

Mit dem Ruder sind wir wieder zurück zum Ufer gepaddelt, was unser Glück war, denn auf der Bayerischen Seite der Donau waren bereits die Amerikaner. Guter Rat war nun teuer. Wir hatten ja noch unsere Wehrmachtsuniformen an. Ich sagte:

„Für mich ist der Krieg aus, ich gang jetzt hoam“.

Pistole 08

Wir mussten aufpassen nicht auf sogenannte Kettenhunde (Feldjäger) zu treffen, sonst wären wir als Deserteure sofort erschossen worden. Gegen Kriegsende 1945 löste sich unsere Truppe, die überwiegend aus Schwaben aus der Umland von Stuttgart bestand, auf  . Wir hatten immer noch die Uniformen an und ich besaß noch meine 08 Pistole, die ich unbedingt behalten und deshalb unterwegs verstecken wollte.

Wir waren nun noch zu Viert. Plötzlich gerieten wir in einen Hinterhalt. Ein amerikanischer MG-Schütze hatte sich in einem Erdloch versteckt und rief:

„Hands up“.

Wir sind alle unter MG Feuer geflüchtet, ohne dass jemand getroffen wurde. Hier habe ich wohl meine „08“ verloren, was mir später noch zugutekam.

Bei Tag sind wir gelaufen und für die Nacht haben wir versucht, in den Bauernhöfen im Heu zu schlafen. Wir bekamen ab und zu auch Essen von den Bauern und tauschten unsere Uniformen irgendwann gegen Zivilkleidung (blauer Anzug, blaue Hose) um. So verwandelt liefen wir weiter in Richtung Heimat.

Ich erinnere mich an eine Familie auf der Alb, die uns Unterschlupf gewährte. Die Tochter arbeitete auf dem Rathaus im Büro. Sie stellte mir eine Bescheinigung aus, dass ich bei ihnen in der Landwirtschaft gearbeitet hätte. Mit diesem Papier in der Tasche und einen Rechen auf‘m Buckel bin ich weiter Richtung Waldenbuch gelaufen. Über die Alb hinüber und runter nach Aich, wo wir das letzte mal gegessen hatten. Nachdem uns Walter H. aus Neckartenzlingen in Aich verließ, waren wir nur noch zu zweit: der Andere vom Bodensee und ich.

ca. 1940. Schloßgartenstrasse, Waldenbuch. Links das Elternhaus von Hans Landenberger

Nun war es ja nicht mehr weit bis nach Waldenbuch. Auf dem Weg nach Neuenhaus, immer noch mit dem Rechen auf dem Buckel, wurden wir von einer französischen Streife mit Jeep angehalten. Da ich die Bescheinigung vorlegen konnte und den Rechen dabei hatte – meine 08 Pistole hatte ich zum Glück nicht mehr – ließen sie mich laufen. Der andere Kamerad wurde abgeführt. Dann bin ich bin so schnell, wie möglich nach Hause, zu meinem Elternhaus in der Schloßgartenstrasse gelaufen. Dort habe ich mich tagelang auf der Bühne versteckt gehalten, da man unsicher war, ob die Franzosen nochmal kontrollieren würden.

Bis die Franzosen weg waren habe ich mich dann zusammen mit vier Heimkehrern, Karl Necker (Gaiernbot), Wilhelm Laubengaier (Berg-und Tal Briefträger) und Emil Decker in einer Scheune vom Karl am Ramsberg versteckt. Kein Mensch wusste, dass wir zurückgekehrt waren. Karls Frau, die Marie, hat uns immer abends in der Milchkanne Essen gebracht. Später haben wir in der Nähe der Jungviehweide so lange im Freien geschlafen, bis die Franzosen abgezogen sind. Dann bin ich wieder nach Hause gegangen.

Hans Landenberger, am 23. August 2017

 

 

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