Glaserei Burkhardt

Drei Glasermeister. vl. Klaus, Paul und Jochen Burkhardt

2015. Zwei Generationen Waldenbucher Glasermeister. v.l. Klaus, Paul und Jochen Burkhardt vor Ihrem Lieferwagen

Paul Burkhardt erinnert sich

2015. Paul Burkhardt

 

Mit klarem Blick und hellem Verstand erzählt Glasermeister Paul Burkhardt, Jahrgang 1928, aus der Geschichte seines Glasergeschäftes, in dem er 50 Jahre gearbeitet hat. Sein Gedächtnis ist beeindruckend.  So erinnert er sich noch daran, wie er als Schulbub seinem Vater in der Werkstatt geholfen hat. Heute wird das seit 1840 in Waldenbuch bestehende Glasergeschäft als Glaserei-Fensterbau Burkhardt Gmbh in der Bahnhofstrasse 36 von seinem Sohn Jochen und Neffen Klaus Burkhardt in der 5. Generation weitergeführt.

 

Gründer Johann Jakob Burkhardt (1812-1879)

Mein Urgroßvater, gründete ca. 1840 im Alter von 28 Jahren die Glaserei. Er heiratete Johanna Necker (1819-1875), mit der er acht Kinder hatte.
Leider gibt es keine weiteren Informationen über den Gründervater.

 

Johann Jakob Burkhardt (1850-1939)

Johann Jakob Burkhardt jr. und sein Enkel Karl Burkhardt.

Johann Jakob Burkhardt jr. und sein Enkel Karl Burkhardt.

Mein Großvater erlernte das Glaserhandwerk zunächst bei seinem Vater. Die weitere Ausbildung in seinem Handwerk fand der 22jährige auf der Wanderschaft in den Jahren 1872-1875, die ihn bis in die Schweiz führte. Wanderbuch-webDie für Johann Jakob wichtigen Jahre der Wanderschaft hielt er sehr genau in seinem Tagebuch fest. So machte er Station in Thalwil am Züricher See, wo er er zwei Jahre lang zur vollen Zufriedenheit seines Meisters arbeitete. Erst die Krankheit seiner Mutter zwang ihn vorzeitig nach Waldenbuch zurückzukommen. Sie ist auch noch in demselben Jahr, am 29. Aug. 1875, gestorben. Als dann am 19. Mai 1879 auch der Vater verstarb, verehelichte er sich am 29. Juli 1879 mit Anna Luise geb. Knapp und übernahm mit 29 Jahren das väterliche Geschäft.

Stadtpfarrer Richard Essig schreibt in seinem Nachruf im Heimatboten von Waldenbuch Nr.11, 1939:“Nach nur 16jähriger Ehe verstarb seine Ehegattin am 23. Sept. 1895. Bald sollte ihn ein zweiter Verlust treffen. Als er am 25. April 1896 seine 2. Ehe mit Friederike Margarete geb. Kayser geschlossen hatte, verlor er diese bereits wieder am 2. Aug. 1897. Erst seine dritte Ehe sollte von längerer Dauer sein. Am 2. Februar 1899 verehelichte er sich mit Elisabeth geb. Knapp, die dem Entschlafenen bis zum Jahre 1932 als treue Lebensgefährtin zur Seite stand. Auch sonst trafen ihn in seiner Familie viele schmerzliche Verluste: am 6. März 1911 verlor er seinen zweitältesten Sohn Jakob, der im Alter von erst 29 Jahren ihm durch den Tod entrissen wurde.

1905. Buchhaltung und Auftragsbuch

1905. Buchhaltung und Auftragsbuch Für grössere Ansicht auf das Bild klicken

Zwei Jahre danach, am 11. Mai 1913, starb der Schwiegersohn, der Ehegatte seiner einzigen Tochter, nach nur einjähriger Ehe. Dann raubte ihm der Weltkrieg in einem und demselben Jahre, im Jahre 1914, zwei seiner Söhne. Dazu mußte dann der jüngste Sohn Paul im Jahr 1915 auch noch ins Feld rücken. Bei all diesen schweren Verlusten, die den Entschlafenen tief bewegten, blieb ihm doch eine gute Gesundheit und zähe Arbeitskraft bis in sein hohes Alter bewahrt. Noch als 80jähriger Greis konnte er noch draußen auf dem Felde arbeiten. Dann kamen allerdings auch für ihn die Jahre, die ihn in die Stille führten und ihn bald ganz ans Zimmer fesselten. In der Familie seines jüngsten Sohnes Paul wohlversorgt wurde er von Jahr zu Jahr, zuletzt von Tag zu Tag immer schwächer, entschlief er am 12. November 1939 abends ½ 11 Uhr im Alter von beinahe 89 Jahren.“

Seine erste Ehefrau Anna Luise schenkte ihm vier Söhne und ein Mädchen. Nachdem seine drei ältesten Söhne früh verstarben konnte das Glasergeschäft schließlich nur durch den jüngsten Sohn August Paul übergeben werden.

August Paul Burkhardt (1895-1978)

Paul Burkhardt sen.

August Paul Burkhardt

Obwohl seine älteren Brüder Karl Friedrich und Wilhelm beide 1914 im Krieg gefallen waren, wurde mein Vater trotzdem zur Armee eingezogen und an die Front geschickt. Wegen einer Eingabe meines Großvaters, dass sein dritter Sohn nicht an die Front kommen sollte, kam mein Vater als Soldat zum sog. „Technischen Betrieb“ wo er auch Fenster herstellen konnte.

links, Glaser Paul Burkhardt sen. (1895-1978). Ca. 1917 Als Soldat.

mein Vater ca. 1917/18 mit einem Kameraden in Frankreich beim Fensterbau.

Im August 1917 wurde ihm das Eiserne Kreuz I. Klasse verliehen und ebenso das Verwundetenabzeichen. Obwohl er einmal eine Verschüttung erlitt, kehrte er ohne graviernde Verletzungen in die Heimat zurück.

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1936. August Paul Burkhardt. Ausweis über Meisterprüfung. Für grössere Ansicht auf das Bild klicken

Die Meisterprüfung machte er 1920. Erst durch seine Heirat 1921 im Alter von 26 Jahren mit Emma Burckhardt wurde mein Vater richtig sesshaft in Waldenbuch. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, meine Schwester Luise (1922), ich, Paul (geb. 1928) und mein Bruder Karl (geb. 1933).

Im Alter von 27 Jahren übernahm er 1922 dann den väterlichen Betrieb, der 1938 um einen Werkstattanbau vergrößert wurde. Im Winter gab es kaum Arbeit, da nicht gebaut wurde und niemand neue Fenster brauchte.

1938. Rechnung für Wilhelm Landenberger

1938. Rechnung für Wilhelm Landenberger

Der Not gehorchend hat mein Vater alle möglichen Arbeiten angenommen, nur um Geld zu verdienen. So hat er als Bursche im Herzog Christoph, Vereinsgasthof „Christl. Hospiz“, Stuttgart sowie einmal im Winter als Holzarbeiter gearbeitet.  Als Glaser hat mein Vater auch in Tübingen und in Kirchheim gearbeitet. Allein mit dem Einkommen aus dem Glasergeschäft konnte die Familie nicht versorgt werden. Zur Selbstversorgung diente aber eine kleine Landwirtschaft.

Getreide und Mehlsack von Burkhardts

 

 

Das eigene Getreide wurde in der Seitenbachmühle zu Mehl gemalen. Dabei wurden eigene mit Namensaufdruck gekennzeichnete Jutesäcke verwendet.

Als die Allierten im 2. Weltkrieg Bomben abwarfen, musste mein Vater von der Glaserinnung aus nach Kiel, Köln, Saarbrücken und Schweinfurt gehen um zersprungene Fensterscheiben zu reparieren.

Paul Burkhardt (*1928)

Paul Burkhardt jun.

Paul Burkhardt jun.

Ich erinnere mich noch gut an das Sägewerk Ernst Baumann. Es hatte noch eine Dampfmaschine. Die Säge wurde aber später mit Strom angetrieben. 1935 wurde der Kamin gesprengt und da durften wir zuschauen von der anderen Seite, vom Alten Weg aus. Im Sägewerk gab es auch eine Schreinerwerkstatt mit einer Hobelmaschine und einer Bandsäge. Mein Vater hat sein Fensterholz selbst bei Baumanns ausgehobelt und anschließend weiterverarbeitet. Wir hatten die erste Hobelmaschine 1940, die heute noch existiert. Sie wurde vom Wagner Landenberger gekauft. Mein Vater hatet eine kombinierte Fräse und Kreissäge, aber keine Hobelmaschine um das Holz glatt zu hobeln. Als Schulbub habe ich da noch mitgeholfen. Das Stammholz hat mein Vater bei Holzverkäufen im Frühjahr ersteigert. Man konnte das Holz vorher anschauen, dazu bekam man eine Holzliste auf der stand wo das Holz liegt. Dann wurde ein Fuhrmann beauftragt das Holz in die Säge zu liefern. Holzführer hatten Pferde für diese Arbeit. Es gab z.B. den Hasenhöfer Hannes (Johann Ruckh), den Kronenwirt August Wagner.

Bei Kriegsende 1945 war ich 16 Jahre alt und konnte noch nicht zur Wehrmacht eingezogen werden. Aber auch für Jugendliche hatte das Regime Aufgaben zu verteilen. So wurde ich von September bis Oktober für 4 Wochen am Westwall bei Freistett/Achern abkommandiert. Dort musste ich zusammen mit meinen Kameraden zwischen den Festungsanlagen Verbindungsgräben mit dem Spaten ausgraben. Danach kam ich für 4 Wochen in das Wehrertüchtigungslager nach Wurzach wo ich für den Kriegseinsatz „vormilitärisch“ vorbereitet werden sollte. Später musste ich noch Arbeitsdienst in Schmidhausen Kreis Heilbronn leisten. Schließlich war ich endlich am 5 Mai 1945, nach vielen langen Fußmärschen, wieder zu Hause gekommen.

Meine Meisterprüfung legte ich 1953 ab. 1963 heiratete ich meine Frau Ilse, geb. Breuning. Sie schenkte mir unsere Tochter Ulrike und die Söhne Jochen und Martin.

 

Karl Burkhardt (1933-1993)

Mein Bruder Karl und ich arbeiteten zusammen im Geschäft meines Vaters und erlernten beide das Glaserhandwerk. Im Jahr 1975 übernahmen wir zusammen die Glaserei. Der Firmenname des Geschäfts war damals „Paul Burkhardt und Söhne“. Wir betrieben es zunächst als BGB Gesellschaft weiter. 1989 wurde die Firma in Glaserei – Fensterbau Burkhardt GmbH umgewandelt. Als mein Bruder Karl 1993 unerwartet im Alter von 60 Jahren verstarb, musste ich den Betrieb alleine führen.

 

1980. Paul Burkhardt auf dem Titelblatt der ROTO Hauszeitschrift

1980. Paul Burkhardt auf dem Titelblatt der ROTO Hauszeitschrift

 

 

Klaus und Jochen Burkhardt

v.l. Klaus und Jochen Burkhardt

v.l. Klaus und Jochen Burkhardt


1994 haben mein Sohn Jochen und mein Neffe Klaus Burkhardt die Geschäftsführung der Firma Glaserei-Fensterbau Burkhardt Gmbh übernommen. Aus der ehemaligen Glaserei ist ein moderner Handwerksbetrieb geworden.  Im Betrieb arbeiten neben meinen beiden Söhnen drei weitere Mitarbeiter. Wesenliche Geschäftstätigkeit ist die Herstellung und der Einbau von Holzfenstern, Holz-Alu-Fenster sowie Glasreparaturen.

Die Entwicklung der Werkstatt

In dem Anwesen Auf dem Graben (damals Hauptstraße) befand sich von Anfang an Wohnung und Werkstatt der Burkhardts.

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Das Elternhaus 1913, Auf dem Graben. v.l. Luise Rebmann, geb. Burkhardt, Elisabeth Burkhardt, geb. Knapp mit Luises Tochter Mina, August Paul Burkhardt(1895-1978) und sein Vater Johann Jakob Burkhardt (1850-1939)


Wohnung und die Werkstatt waren in dem rechten Gebäude. Der Aufbau (große Gaube) wurde 1913 gebaut. Hier was das Wohnzimmer von Luise. Nach dem Tod ihres ersten Mannes (Rebmann, Glashütte) verheiratete sie sich mit dem Korbmacher Ottmüller , so dass das Zimmer wieder frei war. Der Zugang zum Haus führte über den Hauseingang des linken Nachbarhauses, das einer Frau Klein gehörte (Sie wurde von uns „Hausfrau“ genannt), die 1945 verstarb. In ihrem Testament verfügte Frau Klein ein Vorkaufsrecht zu Gunsten von Paul Burkhardt (Vater), dass auch ausgeübt wurde.

Die ersten drei Fenster auf der Frontseite waren das Wohnzimmer, danach die zwei Fenster gehörten zum Schlafzimmer. Hinter dem Schlafzimmer war die Werkstatt. Rechts daneben war die Scheune. Unter dem Schlafzimmer war der Kuhstall und unter dem Wohnzimmer war der Hühnerstall. Vor dem Stall war die Miste. Man erzählt sich, im Winter, wenn es in der Werkstatt recht kalt war, hat man die Hobelbank ins Wohnzimmer gestellt, weil es der einzige beheizte Raum war. Mein Bruder Karl und ich hatten zusammen ein Zimmer im elterlichen Haus, wo sie bis zu ihrer Heirat wohnten.

Die Werksatt wurde mehrfach ausgebaut, weil es immer mehr Aufträge gab.

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ca. 1930. Blick auf die Rückseite Auf den Graben (ehem. Hauptstrasse) mit Wohnhaus, Glaserei und Schuppen vor den Umbauten


1938 wurde durch mein Vater zunächst hinter dem Haus der Werkstattanbau errichtet.


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Werkstattanbau 1938, der heute noch besteht, daneben Wohnhaus Klein


1958 wurde die Werkstatt durch einen weiteren Anbau erweitert.


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1958. Ausbau der Werkstatt


Robert Klein (Neffe) war über 40 Jahre lang bei uns als Glasergeselle beschäftigt. Bedingt durch das Wachstum des Betriebs war die Werkstatt an ihre Grenzen gekommen. Da eine Erweiterung wegen der Nähe der Aich nicht mehr möglich war, wurde 1977 von Paul und Karl Burkhardt ein Neubau für die Werkstatt in der Bahnhofstrasse 36 errichtet. Allerdings wurde vom BM Horst Störrle für das Grundstück in der Bahnhofstrasse ein Gegengrundstück verlangt!

1977. Neubau der Werkstatt in der Bahnhofstraße 36


Als Paul und Karl in die Lehre gingen gab es nur Einfach- und Doppelfenster. 1928 baute unser Vater zum ersten Mal Doppelfenster in der Liebenau ein. 1960 kamen Isolierglasfenster (z.B. Thermopane) mit verschiedenen Scheibenabständen auf den Markt. Heute gibt es Wärmedämmfenster mit dicken Rahmen. Holzfenster werden unverändert nachgefragt. Kunststofffenster werden komplett bezogen werden und dann nur noch eingebaut. Gegenüber früher hat sich das Glaserhandwerk stark gewandelt.

Es wird nach wie vor die handwerkliche Kunst nachgefragt, wenn z.B. Rundbogenfenster aus Holz hergestellt werden müssen. Hier wird manchmal von den Jungen noch auf die Erfahrung und Kenntnis des Vaters zurückgegriffen. Durch diese Entwicklung gehen Talente und Wissen des Handwerks leider verloren. Paul kennt aber immer noch die Formel auswendig, die für die z.B. Berechnung von Bogenfenstern notwendig ist.

2015. Auf dem Graben 35, Wohnhaus Burkhardt

Das alte Haus Auf dem Graben 35 wurde 1962 durch ein neues Wohn- und Geschäftshaus ersetzt. Dabei wurde das Haupthaus komplett abgerissen. Die hinteren Werkstattanbauten blieben erhalten und werden heute vom Fotostudio Thomas Ceska als Atelier genutzt. Hier wohne ich zusammen mit meiner Frau Ilse.

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