Waldenbucher Pflästerer Necker ENTWURF

Waldenbucher Pflästerer bei einer Fotopause, v. l. Karl Necker, Wilhelm (Helmer) Necker, Fritz Necker und Mitarbeiter

 

Männer aus Waldenbuch haben Gehwege und Straßen gepflastert. Sie waren u.a. auch am Bau der alten B27, die durch Waldenbuch führte, sowie der Schwarzwaldhochstraße beteiligt. Ein Beruf der auf die Knochen geht oder wie man es sieht, Kunst, die man mit Füßen tritt!

Pflästerer ein alter Beruf – mit Zukunftspotential

Bei meinen Recherchen zur Waldenbucher Geschichte bin ich immer wieder auf den Beruf des “Pflästerers” (Pflasterer) gestoßen, der von einem Zweig der über 300 Jahre alten Familie Necker über vier Generationen hinweg ausgeübt wurde. Die lebenden Nachkommen haben diesen Bericht erst durch ihre Erinnerungen, Dokumente und Fotos möglich gemacht.

Familie Necker

Wappen der Familie Necker

 

In den Waldenbucher Kirchenbüchern findet man die erste Erwähnung des Namens Necker im 16. Jahrhundert. So gab es einen Hans Necker, Schreiner, (geb. um 1545, gest. unbekannt) der verheiratet war mit einer Johanna Wern, Tochter des Jakob Wern, Schulheissen und Ziegler. Er besaß wohl die erste Ziegelei (Ziegelhütte) in Waldenbuch, die am unteren Teil der Ramsbergstrasse lag. Ihre Nachkommen waren vor allem von Beruf Ziegler, Landfuhrmann, Schlosser, Frachtbote und Pflästerer.

Historisches Berufsbild

Historische Zunftzeichen der Steinsetzer / Pflasterer. Dargestellt sind die Visiertafeln – die Pflasterramme und zwei Pflasterhämmer.

Das Gewerbe des Pflästerers ist ein handwerkliches Kulturgut mit alter Tradition.
Man hat zwar schon in der Römerzeit die Vorteile von mit Steinen befestigten Straßen erkannt, doch zum Beruf als Handwerk wurde das “Steinsetzen” erst im 18. Jahrhundert, wo es galt, Straßen und Plätze nicht nur zu befestigen, sondern auch architektonisch zu gestalten und zu verschönern. Wie viele Bauberufe ist dieser Beruf körperlich anstrengend und den Wetterbedingungen ausgesetzt und meist auch Saisonarbeit. So blieb der Pflästerer bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts ein angesehener Beruf mit überdurchschnittlichem Einkommen.

ca. 1930er Jahre. Unbekannte Pflästerer Gruppe. Vorn zwei Pflästererstühle.

Ein Pflästererstuhl half ein wenig bei der mühsamen Arbeit im Sitzen.

Das Aufkommen von neuen Straßenbelägen (Asphalt und Beton) verdrängte die Nachfrage nach Pflasterpflächen, sodaß immer weniger junge Menschen diesen Beruf zu erlernen bereit waren. Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten erfuhr die Pflasterkunst jedoch eine Renaissance. Als man nämlich begann in Städten und Dörfern Plätze und Gassen für die Bevölkerung zu gestalten und die Fußgängerzonen und Wohnstraßen zu schaffen.

2012. Rosette mit Windrose aus Granit-Kleinsteinpflaster. Foto: Netzwerk Pflasterbau

Gerade dafür ist das Pfaster am geeignetsten, weil es jede Fläche auflockert, Muster ermöglicht und nicht zuletzt, weil Naturstein ein äußerst widerstandsfähiges Material ist.
Auch durch die zunehmende Umweltbelastung bekommt das Pflaster wieder stärkere Bedeutung, weil gepflasterte Flächen dem Regenwasser Aufnahme bieten, den Boden nicht versiegeln und dadurch die Austrocknung und das Absinken des Grundwasserspiegels vermeiden.

Grafik: Netzwerk Pflasterbau

Was früher den Beruf des Steinsetzers bzw. Pflasterers ausgemacht hat, ist heute in Deutschland,
anders als in Österreich oder der Schweiz,
kein eigenständiger Ausbildungsberuf mehr,
sondern sowohl im Straßenbauer-Handwerk
wie auch im Garten- und Landschaftsbau
aufgegangen. Für weiterführende Information über Geschichte und Berufsbild siehe die sehr gut gelungene Dokumentation zur Wanderausstellung  “Pflasterhandwerk – Zunft mit ZUKUNFT” des Netzwerk Pflasterbau.

Die Waldenbucher Pflästerer

Zunehmende Armut, bedingt durch Missernte wegen Dürre, Hagelschlag sowie die Realteilung, reichte kaum noch zur Ernährung der Familie. Viele, auch viele Waldenbucher, entschieden sich damals für die Auswanderung. Die Einwohnerzahl Waldenbuchs betrug am 1. Dezember 1871 rund 1900. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren weit über 200 Personen aus Waldenbuch nach Amerika ausgewandert. Darunter auch einige der Familie Necker, nicht aber alle Pflästerer. Vermutlich war das die Zeit als das dieses Handwerk in Waldenbuch seinen Ursprung hatte. Diese Tätigkeit wurde neben der eigenen Landwirtschft im Nebenerwerb ausgeübt.

ca. 1930. Obere Reihe Dritter u. Vierter von links: Wilhelm (Helmer) und Karl Necker. Untere Reihe Mitte: Pflästerer Fritz.

Johannes I Necker (1830-1881)

Mit ihm hat wohl alles begonnen. Er ist der erste  in den Kirchenbüchern erwähnte Necker mit der Berufsbezeichnung Pflästerer. Er war verheiratet mit Maria Barbara, geb. Ruckh (1832-1893), mit der er 10 Kinder hatte. Zwei seiner sechs Söhne, Johannes II und Wilhelm, erlernten bei ihm ihren Beruf.

Johannes II Necker (1862-1930)

ca. 1900. Familie Necker: hinten: v.l. vermutlich Bruder Karl Wilhelm Necker (1871-1934), Johannes II Necker (1862-1930), vorn: v.l. Margarete Necker, geb. Ottmüller (1867-1936), ihre Kinder. Foto: Brigitte Schultz

 

Johannes II wohnte am Weilerberg mit seiner Frau Margarete Pauline Necker, geb. Necker, mit der er sieben Kinder hatte.

Von seinem Vater Johannes I übernahm er einen Steinbruch. Mit einem Pferdefuhrwerks konnten seine vier  Jungen im Straßenbau tätig werden, da in der Zeit um 1920 zunehmend Straßen gebaut wurden und das Handwerk Pflästerer Zukunftschancen bot. Es war aber auch eine Zeit, wo viele Menschen aus Not und Perspektivlosigkeit vor allem nach Amerika ausgewandert sind, so auch seine jüngeren Brüder Karl Wilhelm (1871-1934) und Karl Friedrich (1868-????).

 

 

Karl Wilhelm Necker (1871-1934)

Wilhelm wanderte zunächst nach Amerika aus, kehrte aber später wieder zurück nach Waldenbuch und heiratete Christiane Frederike Auch, mit der er drei Kinder hatte. Der Steinbruch, den er zusammen mit seinem Bruder Johannes II übernommen hatte wurde später vermutlich von allen Pflästerern der Familie Necker ausgebeutet. Er verstarb an den Folgen einer Rheumatismus Erkrankung.

 

 

 

Wilhelm (Helmer) Jakob Necker 1892-1963

Er war der älteste Sohn von Johannes II Necker. Mit Anna Wagner war er verheiratet und hatte einen Sohn Helmut und eine Tochter Anita. Sein Spitzname Helmer ist wohl von seinem Vornamen abgeleitet. Da er stets bei der Arbeit und privat eine Fliege trug, war das sein Erkennungszeichen. Offenbar war Wilhelm der Chef des Pflästerer Betriebs.

 

 

Johannes III Necker (1894-1961)

1953. Die alte B27 zwischen Steinenbronn und Waldenbuch – eine durchgehend gepflasterte Strasse.

2021. Ehemaliges Haus von Pflästerer Hannes.

Genannt wurde er Pflästerer Hannes. Verheiratet war er mit Luise Marie, geb. Ottmüller, mit der er einen Sohn, Karl Friedrich sowie eine Tochter, Liesel Paula hatten. Sie war mit Horst Anstett verheiratet. Die alte B27 von Steinenbronn bis nach Tübingen hat er mit gebaut. Später wurde der Belag asphaltiert. Die Pflastersteine sind heute immer noch im Boden drin.

Im Alter von 53 Jahren baute er von 1947-1949 sein Haus. Die Bausteine kamen überwiegend aus dem eigenen Naturstein-Steinbruch, der hinter seinem Haus in der Stuttgarter Straße im Gewann Groppbach liegt.

Karl Necker (1898-1932)

Bei seinem Vater erlernte er das Pflästererhandwerk. Er verehelichte sich am 9. August 1924 mit Marie geb. Kayser von hier. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. An den Folgen eines Motorradunfall kam der Ernährer und Versorger seiner Familie im Alter von 34 Jahren viel zu früh ums Leben.

 

 

Friedrich Necker (1902-1976)

Genannt Pflästerer Fritz war er der jüngster der vier Brüder. Verheiratet war er mit Frieda Maier. Ihre einzige Tochter Lore,war mit Alfred Schmid (Lange Alfred) verheiratet.

Sein Alleinstellungsmerkmal war, dasss er trotz eines steifen Beines, diese Arbeit verrichtete und auch mit diesem Bein stolz auf einem alten NSU Motorrad unterwegs war. Man erkennt diese Einschränkung auf vielen Abbildungen. Auch erkannte man ihn an seiner gepunkte Kravatte, die er bei Festlichkeiten immer trug. Fritz war am Bau bekannter Straßen beteiligt. So unter anderem der Panzerstrasse in Böblingen (1937) und der Schwarzwaldhochstrasse auf dem Kniebis (1930er Jahre). Bedingt durch die Entfernung der Baustellen von Waldenbuch (war damals doch eine grössere Distanz) und dadurch, dass solche Bauobjekte länger dauerten, war er oft wochenlang von zuhause abwesend.

 

Karl Friedrich Necker 1923-1992

Als einziger Sohn von Johannes III hat er bis ca. Mitte der 1950er Jahre im Steinbruch und im Straßenbau seines Vaters gearbeitet. Danach ging er zur Fima S. Weh, Tiefbauunternehmen in Stuttgart. Er war dort Vorarbeiter und Baustellenleiter bis zu seiner Rente. Verheiratet war er mit Anna, geb. Fauser. Die Ehe blieb kinderlos.

 

Kurt Hans Necker (1932-1991)

Kurt Necker (mit Hut) bei der Arbeit zusammen mit Willi Rebmann. Foto: Ella Necker

Als jüngster Sohn von Karl Necker erlernte Kurt das Pflästerhandwerk von seinem Vater und übte es viele Jahre aus. So hat er an der alte B27 bis Tübingen als Pflästerer mit gearbeitet. Zusammen mit seinem Bruder Heinz Karl Necker (Elektroingenieur) betrieb er als Straßenbaumeister ab 1958 die Firma Gebr. Necker. Viel zu früh verstarb er im Alter von 59 Jahren und hinterließ seine Frau Ella und drei Kinder.

 

 

 

Gefährliches Pflaster

Unfall Kälberstelle im Schönbuch alte B 27. Foto Alfred Göhner, Stadtarchiv Tübingen Film Nr. 6437 1957, Januar, 09.

Das Foto wurde mir freundlicherweise von Udo Rauch. Stadtarchiv Tübingen, zur Verfügung gestellt. Vor allem bei nasser Fahrbahn kam es auf Strassen mit Kopfsteinpflaster immer wieder zu Unfällen. Die gesamte alte B27 war bis in die 1960er Jahre gepflastert.

 

 

 

Als Arbeitsgerät verwendete man einen sog. Stöpfel (Mein Bruder hat noch einen), auf dem man während der Arbeit sitzen konnte.

 

 

 

 

Mein Dank: Brigitte Schultz, Ella Necker, Hans-Peter Anstett, Rüdiger Singbeil und Doris Kayser für Ihre Unterstützung.

Quellen:
Heimatbote von Waldenbuch, Stadtpfarrer R. Essig, 1927, 1929, 1930, 1931, 1932, 1934, 1936.
Stadt Waldenbuch, Standesamt.
Netzwerk Pflasterbau.
https://www.mallitsch.at/startseite/geschichte.

Bilder: Sofern nicht angegeben sind die Bilder aus Archiv W. Härtel.
Leider konnten nicht alle Rechteinhaber ermittelt werden. wenn Sie Rechte an den veröffentlichen Bildern besitzen, wenden Sie sich bitte an Wolfgang Härtel.


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