Die Waldenbucher Pflästerer der Familie Necker

ca. 1930. Waldenbucher Pflästerer bei einer Fotopause, v. l. Karl Necker, Wilhelm (Helmer) Necker, Fritz Necker und Mitarbeiter

 

Pflästerer ist ein Beruf, der auf die Knochen geht oder wie man sieht, eine Kunst, die man mit Füßen tritt! Auch Männer aus Waldenbuch haben Gehwege und Straßen gepflastert. Sie waren u.a. am Bau der alten B27, die durch Waldenbuch führte, sowie der Schwarzwaldhochstraße beteiligt.

Pflästerer – ein Beruf für Generationen

Bei den Recherchen zur Waldenbucher Geschichte taucht immer wieder der Beruf des “Pflästerers” (Pflasterer) auf, der von einem Zweig der über 300 Jahre alten Familie Necker über vier Generationen hinweg ausgeübt wurde. Mein Dank gilt den lebenden Nachkommen, sie haben diesen Bericht erst durch ihre Erinnerungen, Dokumente und Fotos möglich gemacht.

Die Familie Necker aus Waldenbuch

Wappen der Familie Necker

 

In den Waldenbucher Kirchenbüchern findet sich die erste Erwähnung des Namens Necker im 16. Jahrhundert. So gab es einen Hans Necker, Schreiner, (geb. um 1545, gest. unbekannt), der verheiratet war mit einer Johanna Wern, Tochter des Jakob Wern, Schulheiß und Ziegler. Er besaß wohl die erste Ziegelei (Ziegelhütte) in Waldenbuch, die am unteren Teil der Ramsbergstraße lag. Die Nachkommen des Paares waren vor allem von Beruf Ziegler, Landfuhrmann, Schlosser, Frachtbote und Pflästerer.

Ein historisches Berufsbild mit Potential

Historische Zunftzeichen der Steinsetzer / Pflästerer. Dargestellt sind die Visiertafeln – die Pflasterramme und zwei Pflasterhämmer.

Das Gewerbe des Pflästerers ist ein handwerkliches Kulturgut mit alter Tradition.
Man hat zwar schon in der Römerzeit die Vorteile von mit Steinen befestigten Straßen erkannt, doch zum Beruf als Handwerk wurde das “Steinsetzen” erst im 18. Jahrhundert, wo es galt, Straßen und Plätze nicht nur zu befestigen, sondern auch architektonisch zu gestalten und zu verschönern. Wie viele Bauberufe ist dieser Beruf körperlich anstrengend und den Wetterbedingungen ausgesetzt und meist auch Saisonarbeit. So blieb der Pflästerer bis in die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts ein angesehener Beruf mit überdurchschnittlichem Einkommen.

ca. 1930er Jahre. Unbekannte Pflästerer Gruppe. Vorn zwei Pflästererstühle.

Ein Pflästererstuhl, genannt Stöpfel, half ein wenig bei der mühsamen Arbeit im Sitzen. Foto: Ella Necker

Das Aufkommen von neuen Straßenbelägen (Asphalt und Beton) verdrängte die Nachfrage nach Pflasterflächen, sodaß immer weniger junge Menschen bereit waren diesen Beruf zu erlernen. Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten erfuhr die Pflasterkunst jedoch eine Renaissance, als man nämlich begann in Städten und Dörfern Plätze und Gassen für die Bevölkerung zu gestalten und  Fußgängerzonen und Wohnstraßen zu schaffen.

2012. Rosette mit Windrose aus Granit-Kleinsteinpflaster. Foto: Netzwerk Pflasterbau

Gerade dafür ist das Pflaster am geeignetsten, weil es jede Fläche auflockert, Muster ermöglicht und nicht zuletzt, weil Naturstein ein äußerst widerstandsfähiges Material ist.
Auch durch die zunehmende Umweltbelastung bekommt das Pflaster wieder stärkere Bedeutung, weil gepflasterte Flächen dem Regenwasser Aufnahme bieten, den Boden nicht versiegeln und dadurch die Austrocknung und das Absinken des Grundwasserspiegels vermeiden.

Grafik: Netzwerk Pflasterbau

Was früher den Beruf des Steinsetzers bzw. Pflasterers ausgemacht hat, ist heute in Deutschland,
anders als in Österreich oder der Schweiz,
kein eigenständiger Ausbildungsberuf mehr,
sondern sowohl im Straßenbauer-Handwerk
wie auch im Garten- und Landschaftsbau
aufgegangen. Für weiterführende Information über Geschichte und Berufsbild siehe die sehr gut gelungene Dokumentation zur Wanderausstellung  “Pflasterhandwerk – Zunft mit ZUKUNFT” des Netzwerk Pflasterbau.

Die Waldenbucher Pflästerer

Zurück nach Waldenbuch: Zunehmende Armut, bedingt durch Missernten wegen Dürre, Hagelschlag sowie die Realteilung, gab dem Gewerk Auftrieb, denn das auf dem Feld Erwirtschaftete reichte kaum noch zur Ernährung der Familie. Viele Menschen, auch viele Waldenbucher, entschieden sich damals dafür, auszuwandern und anderswo ihr Glück zu suchen. Die Einwohnerzahl Waldenbuchs betrug am 1. Dezember 1871 rund 1.900 Personen. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren weit über 200 Personen aus Waldenbuch nach Amerika ausgewandert. Darunter auch einige der Familie Necker, nicht aber alle Pflästerer. Vermutlich war genau das die Zeit, als dieses Handwerk in Waldenbuch seinen Ursprung hatte, da die Menschen ein neues Auskommen suchen mussten. Die Tätigkeit des Pflästerers wurde neben der eigenen Landwirtschaft im Nebenerwerb ausgeübt.

ca. 1930. Obere Reihe Dritter u. Vierter von links: Wilhelm (Helmer) und Karl Necker. Untere Reihe Mitte: Pflästerer Fritz.

 

 

Die vier Generationen Waldenbucher Pfflästerer

Begründer einer Waldenbucher Profession: Johannes I Necker (1830-1881)

Mit ihm hat wohl alles begonnen. Er ist der erste  in den Kirchenbüchern erwähnte Necker mit der Berufsbezeichnung Pflästerer. Verheiratet war er mit Maria Barbara, geb. Ruckh (1832-1893), mit der er 10 Kinder hatte. Zwei seiner sechs Söhne, Johannes II und Wilhelm, erlernten bei ihm ihren Beruf.

Wie der Vater so der Sohn: Johannes II Necker (1862-1930)

ca. 1900. Familie Necker: hinten: v.l. vermutlich Bruder Karl Wilhelm Necker (1871-1934), Johannes II Necker (1862-1930), vorn: v.l. Margarete Necker, (1867-1936), ihre Kinder. Foto: Brigitte Schultz

 

Johannes II wohnte am Weilerberg mit seiner Frau Margarete Necker, geb. Necker, mit der er sieben Kinder hatte.

Von seinem Vater Johannes I übernahm er einen Steinbruch. Aufgrund eines eigenen Pferdefuhrwerk konnten seine vier Söhne im Straßenbau tätig werden  – in der Zeit um 1920 wurden zunehmend Straßen gebaut und das Handwerk Pflästerer bot harte und doch attraktive Zukunftschancen. Andere entschieden sich zu gehen, viele wanderten aus Not und Perspektivlosigkeit vor allem nach Amerika aus, so auch seine jüngeren Brüder Karl Friedrich (1868-?) sowie Karl Wilhelm (1871-1934).

 

Zurück aus Übersee: Karl Wilhelm Necker (1871-1934)

Wilhelm wanderte zunächst nach Amerika aus, kehrte aber später wieder zurück nach Waldenbuch und heiratete Christiane Frederike Auch, mit der er drei Kinder hatte. Der Steinbruch, den er zusammen mit seinem Bruder Johannes II übernommen hatte wurde später vermutlich von allen Pflästerern der Familie Necker ausgebeutet. Er verstarb an den Folgen einer Rheumatismus Erkrankung.

 

 

 

Der Mann mit der Fliege: Wilhelm (Helmer) Jakob Necker (1892-1963)

Er war der älteste Sohn von Johannes II Necker. Er war mit Anna Wagner verheiratet, die beiden hatten einen Sohn Helmut und eine Tochter Anita. Sein Spitzname „Helmer“ ist vermutlich eine Ableitung seines Vornamens. Da Wilhelm bei der Arbeit und auch privat stets eine Fliege trug, war diese sein persönliches Erkennungszeichen. Sie ist zugleich ein Hinweis darauf, dass Wilhelm der Chef des Pflästerer Betriebs war.

 

 

Ein eigener Steinbruch: Johannes III Necker (1894-1961)

1953. Die alte B27 zwischen Steinenbronn und Waldenbuch – eine durchgehend gepflasterte Strasse.

2021. Ehemaliges Haus von Pflästerer Hannes.

Genannt wurde er Pflästerer Hannes. Verheiratet war er mit Luise Marie, geb. Ottmüller, mit der er einen Sohn, Karl Friedrich sowie eine Tochter, Liesel Paula hatte. Diese wiederum war mit Horst Anstett verheiratet. Johannes III baute unter anderem mit an der alten B27 von Steinenbronn bis nach Tübingen.

Später wurde die Straße asphaltiert, die Pflastersteine sind heute immer noch im Straßenbett verbaut. Von 1947-1949 errichtete Johannes III 53-jährig sein Haus. Die Besonderheit: Die verwendeten Bausteine kamen überwiegend aus dem eigenen Naturstein-Steinbruch, der hinter seinem Haus in der Stuttgarter Straße im Gewann Groppbach lag.

Viel zu jung verstorben: Karl Necker (1898-1932)

Bei seinem Vater erlernte er das Pflästererhandwerk. Er verehelichte sich am 9. August 1924 mit Marie geb. Kayser von hier. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, doch der Familie war kein langes glückliches Beisammensein beschieden. An den Folgen eines Motorradunfall kam der Ernährer und Versorger der Familie im Alter von 34 Jahren viel zu früh ums Leben.

 

 

Plastern mit Handicap: Friedrich Necker (1902-1976)

Genannt „Pflästerer Fritz“ war er der jüngste der vier Necker-Brüder. Verheiratet war er mit Frieda Maier. Ihre einzige Tochter Lore, war wiederum mit Alfred Schmid („Lange Alfred“) verheiratet.

ca. 1925. Pflästerer Fritz mit dem Fuhrwerk seines Vaters.

Friedrich Necker zeigte, was alles möglich ist: Trotz eines steifen Beines, verrichtete er diese harte Arbeit und er war auch mit diesem Bein stolz auf einem alten NSU Motorrad unterwegs. Auf vielen Abbildungen aus jener Zeit kann man die Beeinträchtigung klar erkennen. Auch er hatte ein Markenzeichen: eine gepunktete Krawatte, die er bei Festlichkeiten immer trug. Fritz war am Bau bekannter Straßen beteiligt, darunter die Panzerstraße in Böblingen (1937) und die Schwarzwaldhochstraße auf dem Kniebis (1930er Jahre). Bedingt durch die Entfernung der Baustellen von Waldenbuch (die damals eine weit größere Distanz als heute bedeutete) und durch die Dimension der Bauobjekte, war er oft wochenlang von zuhause abwesend.

 

Der Strassenbauer: Karl Friedrich Necker (1923-1992)

Als einziger Sohn von Johannes III hat Karl bis ca. Mitte der 1950er Jahre im Steinbruch und im Straßenbau seines Vaters gearbeitet. Danach ging er zur Fima S. Weh, ein Straßenbauunternehmen in Stuttgart. Er war dort Vorarbeiter und Baustellenleiter bis zu seiner Rente. Verheiratet war er mit Anna, geb. Fauser. Die Ehe blieb kinderlos.

 

 

Wie sein Vater, zu früh verstorben: Kurt Hans Necker (1932-1991)

Kurt Necker (mit Hut) bei der Arbeit zusammen mit Willi Rebmann. Foto: Ella Necker

Kurt Necker erlernte wie sein Vater Karl ebenfalls das Pfläster-Handwerk und übte es viele Jahre aus. Wie schon frühere Necker-Pflästerer arbeitete er ebenfalls an der alten B27 bis Tübingen als Pflästerer mit.

Zusammen mit seinem Bruder Heinz Karl Necker (Elektroingenieur) betrieb Kurt Hans als Straßenbaumeister ab 1958 die Firma Gebr. Necker Bauunternehmung GmbH & Co. Viel zu früh – wie auch sein Vater – verstarb er im Alter von 59 Jahren und hinterließ seine Frau Ella und drei Kinder.

 

 

 

Gefährliches Pflaster

Unfall Kälberstelle im Schönbuch alte B 27. Foto Alfred Göhner, Stadtarchiv Tübingen Film Nr. 6437 1957, Januar, 09.

Das Foto wurde mir freundlicherweise von Udo Rauch, Leiter Stadtarchiv Tübingen, zur Verfügung gestellt. Vor allem bei nasser Fahrbahn kam es auf Straßen mit Kopfsteinpflaster immer wieder zu Unfällen. Bis heute ist der nostalgische Straßenbelag bei Zweiradfahrern gefürchtet. Übrigens: Die gesamte alte B27 war bis in die 1960er Jahre gepflastert.

Wolfgang Härtel, im Juli 2021

 

Mein Dank:
Brigitte Schultz, Ella Necker, Hans-Peter Anstett, Rüdiger Singbeil und Doris Kayser für Ihre Unterstützung.

Für das ehrenamtliche Redigieren meines Berichtes bedanke ich mich herzlich bei Uli Felger.

Quellen:
Heimatbote von Waldenbuch, Stadtpfarrer R. Essig, 1927, 1929, 1930, 1931, 1932, 1934, 1936.
Stadt Waldenbuch, Standesamt.
Netzwerk Pflasterbau.
https://www.mallitsch.at/startseite/geschichte.

Bilder: Sofern nicht angegeben sind die Bilder aus Archiv W. Härtel.
Leider konnten nicht alle Rechteinhaber ermittelt werden. wenn Sie Rechte an den veröffentlichen Bildern besitzen, wenden Sie sich bitte an Wolfgang Härtel.


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