Lancaster K.B. 770 – Absturz am 28. Januar 1945

Fernand L. Jolicoeur (X) mit seiner Lancaster Crew.   (Library and Archives Canada)

Jean-Pierre Gendreau-Hétu

Der 19-jährige kanadische Pilot Fernand L. Jolicoeur ist am 28. Januar 1945 bei Waldenbuch in einem Lancaster Bomber abgestürzt. Seine Nachfahren lässt der Verlust des jungen Mannes bis heute nicht los. Wo genau ist mein Großonkel abgestürzt, und was ist damals passiert – auf diese Fragen sucht der Großneffe
des Absturzopfers Jean-Pierre Gendreau-Hétu seit vielen Jahren eine Antwort. Über Umwege ist die Anfrage des 55-jährigen Kanadiers jetzt bei dem Heimatforscher Team von Alt-Waldenbuch gelandet, die in akribischer Kleinarbeit Nachforschungen vorgenommen haben.

Das Absturz Szenario

Die Avro 683 „Lancaster“ (kurz: Lanc) war ein viermotoriger Bomber zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aus britischer Produktion. Er war der bekannteste Bomber der Royal Air Force und wurde ab März 1942 vom RAF Bomber Command eingesetzt. (Wikipedia)

Der letzte Doppelangriff der Royal Airforce Bomber auf den Großraum Stuttgart erfolgte am Sonntag, 28. Januar 1945 zwischen 20:35 bis 20.54 Uhr und in einer zweiten Welle zwischen 23:30 bis 23.48. Insgesamt wurden rd. 800 Bomber eingesetzt, wovon 539 ihr Zielgebiet erreichten. Abgeworfen wurden rd. 10.500 Spreng- und Brandbomben. Zu beklagen waren insgesamt 119 Tote, 78 Verwundete und 5.500 Obdachlose. Das Wetter war schlecht, und die Piloten mussten große Umwege fliegen. Dabei gab es zahlreiche Flugzeugabstürze. So auch im Waldenbucher Staatswald. Es müssen dramatische Szenen gewesen sein, die sich damals abgespielt haben. Etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt, im Waldgebiet Lindhalde, stürzt der schwer getroffene Lancaster-Bomber KB 770 NA-D der Royal Airforce mit seiner britischen und kanadischen Besatzung mit brennenden Motoren in den Wald. Fünf der sieben Insassen werden tot geborgen. Zwei Besatzungsmitglieder überleben schwer verletzt.

Die Suche nach der Absturzstelle

Luftbild von dem Waldgebiet Lindhalde bei Waldenbuch lässt nichts erkennen. (KMBD-BW)

Leider war es nicht möglich an brauchbare Luftbilder zu kommen. Möglicherweise war die Gegend um Waldenbuch militärisch nicht interessant genug, so dass es keine Bilder von der Absturzstelle gibt, bzw. die geringe Auflösung der Fotos nichts erkennen läßt.

Zeitzeugenberichte

Kreiszeitung Böblinger Bote

Die Resonanz über den Flugzeugabsturz in drei lokalen Zeitungen sowie auf der Waldenbucher Facebook Gruppe im Februar 2021 war unerwartet groß. Es meldeten sich über 30 Zeitzeugen – davon war Frau Ursula Niebel aus Waldenbuch mit 92 Jahren die Älteste.

Hier einige wichtige Angaben dieser Menschen zu dem Ereignis:

Ursula Niebel aus Waldenbuch, Jahrgang 1929

„Ich bin mit meinen Freundinnen einen kleinen Weg in den Wald Richtung Absturzstelle gegangen und erinnere mich an einen toten Piloten, der dort lag. Er war mit dem Fallschirm zugedeckt. Ich habe den Fallschirm etwas angehoben und in das Gesicht eines sehr jungen Mannes geblickt. Zum Wrack des Flugzeugs bin nicht mehr gegangen.”

Hans Hartmann aus Waldenbuch, Jahrgang 1936

“Als 9-jähriger war ich in der fraglichen Nacht zusammen mit meiner Familie im Gewölbekeller des Nachbarn, da ständig Luftangriffe erwartet wurden. Den Absturz des Flugzeugs haben wir deshalb nur gehört. Es war ein lauter Knall. Die Absturzstelle ist ziemlich nahe, oberhalb unserer Scheune. Mein Vater und ich sind später dorthin gelaufen. Vom Flugzeug waren nur noch Bruchstücke vorhanden, so ein Motor und andre Teile. Schrauben haben wir mitgenommen, die damals sehr rar waren. Leider haben die Schrauben aber nicht gepasst, da sie im englischen Zoll-Format waren.”

Hermann Adam aus Plieningen, Jahrgang 1936

“Das Flugzeug ist von Osten nach Westen geflogen und zwar sehr tief und langsam. Ist von allen Seiten beschossen worden. Von der deutsche Flak, das hat man gesehen. Die Flak stand in Leinfelden und am Rand des Flughafens. Ich dachte damals, dass das Flugzeug nicht mehr weit kommen würde. Man sah, dass das Flugzeug zu kämpfen hatte.  Es war schon angeschossen. Es ist genau Richtung Waldenbuch geflogen. Die Motoren haben aber noch nicht gebrannt.”

Helmut Hanselmann aus Steinenbronn, Jahrgang 1930

Wir sind Montag mittags von Steinenbronn nach Waldenbuch gerannt zu der Stelle, wo das Flugzeug abgestürzt ist. Das Wrack lag mit der Schnauze zur Straße Richtung Weil im Schönbuch. Überall waren Soldaten. Die Schneise, welches das Flugzeug verursacht hat, war viele Jahre lang zu sehen.

Einige der Zeitzeugen berichten davon, daß die Absturzstelle von vielen Waldenbuchern noch jahrelang besucht wurde und viele der herumliegenden Teile mitgenommen haben. So wird berichtet, daß intakte große Kunstofftanks später von Bauern als Güllefässer verwendet wurden. Über die Bergung des Flugzeugwracks, die in den Folgetagen durch die Wehrmacht erfolgte ist nichts bekannt. In den lokalen Zeitungen wurde der Absturz wohl aus politischen Gründen totgeschwiegen.

Ein weiterer nicht genannter Waldenbucher berichtet , daß er um das Jahr 2000 die Absturzstelle mit einer Sonde abgesucht hat und fündig wurde. Er berichtet u.a. daß das Mittelteil der Lancaster gebrannt haben muß, da es eindeutige Spuren durch Bodengrabungen gab. Das Heckteil war wohl noch in Ordnung. Man fand noch jede Menge Splitter. Die Maschine muss wohl den Auftrieb verloren haben, runtergefallen sein wie ein Stein, auf dem Bauch aufgeschlagen und nicht weit geschlittert sein. Man fand auch noch Plexiglas von der Pilotenkabine sowie den Drehkranz vermutlich vom unteren Waffenstand. Lt. Aussage des verstorbenen Zeitzeugen Ernst Kayser müssen die Tragflächen noch intakt gewesen sein. Sie wurden im Februar 1945 den Hang hinunter zum Waldweg gezogen und abtransportiert.

Eigene Nachforschungen

Fundstücke der Lancaster (W. Härtel)

Auf der Grundlage dieser Berichte und Ortsbesichtigungen zusammen mit Zeitzeugen im Gebiet Lindhalde konnte schließlich die Absturzstelle identifiziert werden. Mit Unterstützung von Helfern, die sich mit Flugzeugabstürzen als Hobby beschäftigen, wurden auch einzelne Teile gefunden, die von Spezialisten einer Lancaster zugeordnet werden konnten. Die genauen Koordinaten der Absturzstelle werden hier bewußt nicht genannt, um keinen Sondengänger Tourismus Vorschub zu leisten.

Die Toten der Lancaster Besatzung

Harry Leslie Kay 🇨🇦 (C/888) Pilot, Squadron Leader of the Royal Canadian Air Force, Kanadier, 32 Jahre alt.

Sohn von Dr. Amos Frank Kay, M.D., und Carolyn Kay; Ehemann von Ruth Norma Kay, aus Pittsburgh, Pennsylvania, U.S.A.

Für Kay war es sein erster Einsatz als Flight Commander.

 

 

 

Gerald Joseph Liney 🇨🇦(J.40040), Bombenschütze (A/B), Flying Officer, Kanadier, Alter unbekannt. Einberufen zur Air Force 1941.

Sohn von Isabella Liney, und John Liney, Toronto,

 

 

 

 

 

John Wilfred “Wilf” Blades 🇨🇦 (J.35935) Wireless Operator/Air Gunner (Wop/AG), Flying Officer, Royal Canadian Air Force, Kanadier, 35 Jahre alt.

Sohn von W. Blades, Charleswood, verheiratet mit Christina Hawthorne, Ford William.

 

 

 

 

Fernand Leo Jolicoeur 🇨🇦(J.95345 / R204027) Mittlerer oberer Turmschütze/Air Gunner (MU/AG), Flight Sergeant, Royal Canadian Air Force, Kanadier, 19 Jahre alt.
Sohn of Arthur and Eugenie Jolicoeur, of Ottawa, Ontario, Canada. Großneffe von Jean-Pierre Gendreau-Hétu.

 

 

 

 

 

Reginald William Gullick 🇬🇧 (1895420) Flugingenieur (F/E), Sergeant, Royal Air Force Volunteer Reserve, 31 Jahre alt, Brite.

Sohn von Willam Gullick, und Ellen Gullick, aus Newport, Monmouthshire/Wales.

 

Angehörige der deutschen Luftwaffe und die örtliche Polizei waren nach den Aufzeichnungen des britischen Luftfahrt-Ministeriums damals schnell vor Ort. Das Gebiet
wurde abgesperrt. Nach dem Absturz wurden die toten Piloten zunächst in Waldenbuch in einem Gemeinschaftsgrab bestattet, bis sie 1947 auf dem
Durnbach War Cemetery in der Nähe des Tegernsees ihre letzte Ruhe fanden.

Durnbach War Cemetery, Coll. grave 1. K. 19-21

Die zwei Überlebenden

Die Besatzung einer Avro Lancaster bestand aus sieben Mann. Das waren im einzelnem der Pilot, der Navigator, der Bombenschütze, der Flugingenieur, der Funker, der Kanzelschütze und der Heckschütze.

Edward (Ted) Ossington 🇨🇦

Nur der Funker (Nav) R. L. Stapleford 🇨🇦, der von einem Luftstrom aus dem Flugzeu gezogen wurde, und der Heckschütze (Rear A/G) E.F. Ossington überlebten den Absturz schwer verletzt. Beide wurden in einem Esslinger Krankenhaus behandelt. Stapleford gab später im Jahr 1945 die Umstände des Absturzes in Großbritannien zu Protokoll. Ihm zufolge kamen fünf Mitglieder der Flugzeugbesatzung ums Leben. Außerdem hätte er Joliceurs Jacke und Ring gesehen.

Ted Ossington kehrte nach Kanada zurück und starb 1978 im Alter von 60 Jahren. Rita Ossington, die Schwiegertochter von Teds mittlerem Sohn Bryn, erinnert sich an Ted: . “Wie so viele andere wurde er jeden Tag durch die Schrapnelle in seinen Beinen und deren Heilung sowie durch die Erinnerungen, die er nicht teilte, an seine Erlebnisse erinnert. Er erzählte nur ein paar Geschichten darüber, wie er aus der Armee medizinisch entlassen wurde, weil er verletzt war, und nach Hause geschickt wurde, um sich bei der Luftwaffe zu melden. Eigentlich wollte er sich mit einem Kumpel melden, aber der hatte Plattfüße oder so etwas. Er konnte sich nicht qualifizieren. Der Rekrutierungsoffizier sah Ted an und sagte: “Sie sollten sich melden.” Als er ihm erzählte, dass er aus der Armee entlassen worden war, soll er gesagt haben: “Man braucht keine guten Beine, um Heckschütze zu sein.”

Noch viele offene Fragen

Jean-Pierre Gendreau-Hétu hat sich jahrelang insbesondere mit dem Schicksal seines toten Großonkels Fernand Leo Jolicoeur beschäftigt und dabei Ungereimtheiten festgestellt, die ihn immer noch daran zweifeln lassen, ob sein Großonkel tatsächlich in dem Gemeinschaftsgrab in Durnbach bestattet ist. Er beschreibt seine Bedenken wie folgt:

Recherchen in den lokalen als auch in den Commonwealth-Registern zeigen eine Lücke in den Leichenzählung. So verzeichnete sowohl das Waldenbucher Sterberegister 1945 die vorläufige Beisetzung von vier Leichen als auch 1947 der Untersuchungsbericht einer alliierten Kommission.
Nach der 1948 erfolgten Exhumierung der menschlichen Überreste in Waldenbuch wurden sie in den zentralen Durnbach War Cemetery überführt, wo schließlich alle Kriegsopfer des Commonwealth ihre letzte Ruhe fanden. Hier allerdings wurden gemäß Inschrift des Gemeinschaftsgrabs plötzlich fünf Leichen bestattet (Siehe Foto oben). Woher kommt die fünfte Leiche?

Über diese Aktion scheint es keinen Bericht zu geben, und man muss sich fragen, wie deutsche Zeugen 1945 vier Leichen und die Commonwealth-Behörden 1948 fünf zählten? Man kann unmöglich daran zweifeln, dass die vier Leichen, die Waldenbucher 1945 bestatteten, zur Besatzung der Lancaster KB770 gehörten. Daher würde nur eine individuelle DNA-Analyse Klarheit schaffen, die allerdings von Kriegsopfern bei den alliierten Armeen nicht allgemein üblich sind, sobald eine Leiche sicher an der richtigen Stelle liegt, selbst in einem Sammelgrab. Die Familie von Jean-Pierre Gendreau-Hétu hat bereits das DNA-Profil ihres toten Verwandten erstellt, sollte sich die Commonwealth War Graves Commission eines Tages daran machen, dieses Geheimnis des Zweiten Weltkriegs zu lösen.

“Ich mag die Vorstellung einfach nicht, ein Gemeinschaftsgrab zu besuchen”, erklärt er, “und nicht sicher zu sein, dass die Leiche, die da drin liegt, mein Großonkels ist.”

 

Wolfgang Härtel, im Juli 2021

 

Quellen

Claudia Barner in Kreiszeitung Böblinger Bote vom 19. Februar 2021, Seite 15
Robert Bostelaar in Ottawa Citizen vom 6. Juli 2014, Local News
Commonwealth War Grave Commission
Heinz Bardua, Stuttgart im Luftkrieg 1939-1945, Klett-Cotta, 1985
Stadt Waldenbuch
ForstBW
The Wartime Memories Project Website
Durnbach War Cemetery

Dank an

Jean-Pierre Gendreau-Hétu (für Informationen und französiche Übersetzung der Seite )
Jörg Mezger (Informationen zu Absturzstelle und Zuordnung der Fundstücke)
Roland Watzl (Datenbeschaffung)
Mark Skyrme (Fundstücke)
Bernhardt Menzel (Fundstücke)
François Therrien (Informationen)
Hugo Holzapfel (Hinweise zu Zeitzeugen)
Regina Steck (Friedhofsbuch  Waldenbuch)
William Butler, Command Historian, HQ U.S. European Command, Stuttgart (Luftbilder)
Kai Lutz (Fotos)
Leon Kolb (Fotos)
Peter Fritz (Fundstücke)
Udo Rauch (Infos Stadtarchiv Tübingen)
Günther Schwarz (Pläne und Infos zur Lindhalde)
Michael R. Deusch (Hilfe zu Fotos)
Monika Sanchez (Schreibarbeiten)
Albrecht Leuthner (Redigieren des Berichts)

 


Gedenkfeier für Fernand Leo Jolicoeur am 16. August 2021

Nachdem ich meine Nachforschungen zu diesem Flugzeugabsturz durch die Unterstützung vieler Menschen abschließen konnte, kamen sechs Mitglieder der franko-kanadische Familie von Jean-Pierre Gendreau-Hétu nach Waldenbuch um die Unglücksstelle zu besichtigen. Es war der Großonkel, Fernand L. Jolicoeur, der im Alter von 19 Jahren zusammen mit vier seiner Kameraden im Waldenbucher Wald gestorben ist. Die kleine Feier fand in einem würdigen Rahmen an der Unglücksstelle im Wald statt. Unter der Anwesenheit von Waldenbuchs Bürgermeister Michael Lutz, dem Forstrevierleiter Daniel Berner sowie Pressevertretern der Filder-Zeitung, Kreiszeitung Böblinger Bote und The Stuttgart Citizen, der US Armee Zeitung. Für die Berichte bitte auf die Zeitungs Logos klicken.

Fotogalerie

 

 

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