Ursula Gräfin von Schliefen

Ursula war die Tochter von Friedel v. Berg aus erster Ehe. In Ihrem Buch Briefe aus Bagdad berichtet Sie auf Seite 137 ff. über ihren Stiefvater Dr. v. Berg von einer anderen Seite: Der Arzt der sich nicht um seine todkranke Frau kümmert!

Ursula war im Sommer 1960 zu Besuch in Waldenbuch und erwartete ein Kind. Ihre Mutter hatte 30 Pfund Gewicht verloren, da sie sich wegen ständiger Gallenkoliken immer wieder übergeben musste. Ihren Mann schien das als Arzt aber nicht besonders interessieren. Hier ein paar Auszüge aus ihrem Buch:

„Als ich Ende Juni in Deutschland ankam, hatte meine Mutter 30 Pfund Gewicht verloren. Sie konnte, um ihre Gallensteine nicht zu provozieren, nur noch wenige Nahrungsmittel zu sich nehmen, als da waren: Zwieback oder Toast, fettloser Reis, gekochter Fisch ohne Butter und fein püriertes Apfelmus. Wenn sie irgend etwas Unbekömmliches »probiert« hatte und eine erneute Kolik befürchtete, machte sie eine sogenannte von ihr erfundene
»Magenspülung«: sie trank einen Liter lauwarmes Salzwasser, ging ins Bad und erbrach den ganzen Mageninhalt wieder. Eine fürchterliche und kräfteraubende Prozedur, nach
deren Beendigung sie zur Tagesordnung überging, dünner und dünner werdend. Da sie nicht klagte- hätte sie doch!-, hatte sich die ganze Familie an diesen abnormen Zustand gewöhnt, auch der ärztliche Ehemann. Alle waren in heiterster Stimmung. Obwohl die Tübinger Universitätsklinik in weniger als einer halben Stunde zu erreichen gewesen wäre, war die Gallenblase meiner Mutter nicht geröntgt worden. Niemand fand etwas dabei.

„In der dritten Woche (Urlaub in Dänemark) bekam meine Mutter eine Gallenkolik,
machte ihre »Magenspülung« mit gesalzenem Moorwasser, begab sich – mit dem Wasser im Magen – in einen kleinen Pinienwald, der ganz nah am Haus war, und kam mit leerem Magen zurück, gelb im Gesicht. Der Alltag ging weiter, die Gallenkoliken wiederholten sich jeden zweiten oder dritten Tag und wurden auf die gleiche barbarische Weise therapiert. Erstaunlich, daß wir das alle mit solchem Gleichmut hinnahmen, daß niemandem die Sache unheimlich wurde – aber wir hatten ja einen Arzt im Haus, und meine Mutter beklagte sich mit keinem Wort.“

Nach drei Wochen Dänemark wurde die Rückreise angetreten:

„Die erste Station war Kassel, wo meine Mutter in einen so katastrophalen Zustand geriet, daß – immerhin! – erwogen wurde, sie dort in einem Krankenhaus zu lassen. Die »Magenspülungen» halfen nicht mehr, ihre Augen waren gelblich, sie konnte nicht das Geringste mehr zu sich nehmen. Aber dann wurde doch Waldenbuch und das heimatliche Bett angestrebt. Am frühen Abend waren sie da, meine Mutter konnte sich nur noch mit Mühe auf den Beinen halten und wurde zu Bett gebracht, erbrach bitteren Gallenrückstau, hatte Schaum in den Mundwinkeln und sprach nicht mehr viel. Am nächsten Tag lag sie im Leberkoma, ein Krankenwagen brachte sie nach Tübingen in die Chirurgie, wo sie sozusagen im letzten Moment operiert wurde. Der Gallengang war total verschlossen, man fand 70 Kubikzentimeter Eiter in den Lebergängen – und brachte sie durch!

Die Gallenblase meiner Mutter soll angeblich ein jahrelanges Gesprächsthema an der Uniklinik in Tübingen gewesen sein. (Solche Dinge passieren nur in Arztfamilien! Es gibt viele ähnliche Beispiele.)“

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