Lamm

ca. 1925, Ansichtskarte

Geschichte des “Gasthof zum Lamm” und der “Lamm-Brauerei”

Nicht nur als Brauer machte Karl Müller, Inhaber der Lamm-Brauerei und des zugehörigen Gasthofs Geschichte. Auch als Sozialdemokrat in schwierigen Zeiten trug er seinen Teil zum Waldenbucher Gemeinwohl bei.

A. Gasthof zum Lamm

In Waldenbuch gab es im 17. Jahrhundert eine Vielzahl von Gaststätten wie z. B. Rose, Bären, Krone, Hirsch, Adler, Ochsen, Rappen, Rössle und Linde. Nach den Einträgen in den hiesigen Kirchenbüchern – so Stadtpfarrer Richard Essig –  muß offenbar die „Rose” um 1600 die früheste oder eine der frühesten Gaststätten hier gewesen sein. Dieser Gasthof lag aber nicht auf dem „Graben”, wie der spätere gleichnamige Gasthof, sondern befand sich außerhalb der Stadtmauer. Der Gasthof zum Lamm dagegen befand sich im Städtle und ist ca. 200 Jahre jünger.

Ehemaliges Eingangsportal des Lamm mit der Steintafel über der Tür. Für größere Ansicht der Tafel aufs Bild klicken.

Das „Lamm“ wurde im Jahre 1802 erbaut. Diese Jahreszahl ist auf einem Stein eingehauen, der sich über dem einstigen Kellereingang befindet. Im Lamm nächtigten oft erlauchte Gäste, da das Schloss damals auch ein sehr beliebter Jagdaufenthalt der württembergischen Herzöge war. Beim Abhalten von großen Jagden konnten die Gäste nicht alle in dem Jagdgasthaus “Gasthof zum Adler” (später umbenannt in „zur Post“) untergebracht werden. So wurden auch kleineren Wirtschaften, die Gästezimmer hatten, wie der Gasthof zum Lamm, als Quartiere für die Jagdgesellschaften belegt.

Der erste Wirt war Johann Jakob Kielmeyer, der das Lamm 36 Jahre lang als Familienbetrieb führte. Die Brauerei kam erst 54 Jahre später unter dem Bierbrauer Johann Jakob Eisenhardt im Jahre 1856 dazu.

Lageplan von Gasthof und Brauerei

1889. Lageplan. Für größere Ansicht auf Bild klicken.

 

Karl-Eduard Schmidt betrieb im Lamm auch eine Metzgerei. Deshalb ließ er 1889 im Hinterhaus ein Schlachthaus (rot markiert) errichten. Aus dem Baugesuch kann ergibt sich eine sehr schöne Übersicht von der Lage der einzelnen Gebäude.

 

 

Hier eine Liste der Wirte/Pächter des Gasthaus Lamm seit 1802:

1802-1838 Johann Jakob Kielmeyer, Wirt und Metzger
1838-1875 Johann Jakob Eisenhardt, Wirt und Bierbrauer seit 1852
1875-1879 Wilhelm Heinrich Reiter, Wirt und Bierbrauer
1879-1880 Karl Burkhardt
1881-1905 Karl-Eduard Schmidt
1905-1955 Karl Müller
1955-1971 Marie und Rosl Müller
1971-1973 Helmut u. Hildegard Fritsche
1973-1977 Alma Goßlar
1973-1979 Hannelore Trammell
1981-1995 Werner Müller
1995-1996 Gasthaus war geschlossen
1996-2000 Familie Kreis
2000-2001 Komplette Renovierung
2002-2019 Gisela Müller-Sandner – wieder ein Familienbetrieb
2019-2020 Verpachtet als Hotel Garni
2020 Renovierung
2021 Leerstand

Über den ersten Lammwirt Johann Jakob Kielmeyer gibt es eine nette Geschichte um 1823 in Waldenbuch:

Als ob Waldenbuch ein einziger Gasthof wäre…

Über das “Lamm” und seinen Wirt erzählt ein Reisender im Jahre 1823: “Als wir dem Städtchen (Waldenbuch) uns näherten, wo wir unser Nachtquartier nehmen wollten, sahen wir in unserem Taschenbuch für Reisende, das uns durch Deutschland führt, nach, wo wir logieren könnten, weil die wichtigsten Gasthöfe von den Städten allenthalben darin verzeichnet sind. Aber wir fanden bei diesem Ort nichts weiter als „Württembergisches Städtchen am Wald Schönbuch – Altes Schloss – Oberforstamt“. Folglich glaubten wir, keinen Gasthof zu finden. In dem wir doch hineinfuhren schien es, als ob der Ort ein einziger Gasthof wäre, d. h. aus lauter Gasthöfen bestände. Es hing so bunt von Schildern darin, dass wir wegen der Wahl in große Verlegenheit gerieten, Johann mit, der immer weiter fuhr, bis wir aus der Stadt wieder vors Tor kamen, und auch da noch drei Gasthöfe erblickten. Da wir hier zwischen Tieren zu wählen hatten, so wählten wir das Lamm, um wo möglich sanft zu ruhen. Dem Anschein nach haben wir es ganz gut getroffen.

1867, älteste bekannteste Lithographie von Waldenbuch und dem Lamm.

Die Wirtsleute sind, wie des dem Lamme geziemt, freundlich und willig und das ganze Zimmer hängt voll Bilder aus Luthers Leben, die einen angenehmen Eindruck machen, und von den Kindern allzumal schon von ihren Nägeln heruntergehoben und betrachtet sind. Der Lammwirt hatte uns in Waldenbuch viel erzählt und uns auch gezeigt, wie bei ihm Most bereitet würde. Der Trank hat in der Tat keinen üblen Geschmack und mag als Entschädigung für den Wein, den die Menschen dort nicht bauen, wohl dienen. Die große Flasche kostet nur 4 Kreuzer.”

Die Ära von Lammwirt Karl Müller (1905-1955)

2015. Rosl Müller in ihrem vertrauten Haus.

Im Jahre 1905 kaufte Karl Müller die damals stillgelegte Lammbrauerei und den Gasthof zum Lamm. Seine jüngste Tochter Rosa (Rosl) Müller erinnert sich in einem Gespräch im Juli 2013 an ihren Vater:

Ca. 1890. Gasthof zum kühlen Brunnen, Teinach

Karl Müller (1877-1955), stammte aus Teinach (heute Bad Teinach), wo seine Eltern, Julius Ferdinand und Marie Müller, den „Gasthof zum kühlen Brunnen“ führten. Sein Vater starb 1904 unter ungeklärten Umständen.

 

 

 

Karl lief täglich von Teinach nach Calw zur Schule. Einer seiner Mitschüler war der spätere Dichter Hermann Hesse.

Seine Lehrjahre verbrachte Karl in mehreren Brauereien, wo er die schwere Arbeit des Bierbrauens und die schlechten Arbeits- und sozialen Bedingungen schon früh kennenlernte. Hier wurde die Grundlage für seine spätere sozialdemokratische Grundeinstellung gelegt.

ca. 1950er Jahre. Steinenbronn. Gasthaus Grüner Baum von Julius Müller (Bruder von Rosel Müller). Links das alte Rathaus (heute Kreisverkehr)

1900 heiratete er Friederike Hahl (1876-1951) aus Steinenbronn, Tochter des Wirts vom Gasthaus Grüner Baum in Steinenbronn, mit der er 9 Kinder hatte, wovon Rosl das jüngste Kind war.

 

Teilstammbaum der Familie Müller – Linie Gasthaus zum Lamm und Lamm Brauerei. Grafik: W. Härtel

 

 

1920. Famlie Müller mit ihren 9 Kindern.Foto: Melanie Schmidt, Grafik

Friederike und ihre Töchter führten das Gasthaus. Später übernahm Tochter Friedel, nach ihrer Ausbildung als Köchin die Küche. Zunächst wurden im Lamm nur einfache Vesper angeboten, später wurde richtig gekocht. Für Familienfeste aller Art wurde das Lamm gerne besucht. Auch für Vereine war das Lamm ein regelmäßiger Treffpunkt für gemütliches Zusammensein. So gründete sich der Turnverein im Februar 1946 bei einer Versammlung mit 53 anwesenden Mitgliedern im Gasthaus Lamm unter dem neuen Namen „TSV Waldenbuch“.

 

Deutscher Edelkraftstoff: In den 193oer Jahren gab es fünf Tanlstellen in Waldenbuch. Karl Müller betrieb die ARAL/BV Tankstelle beim Eisgalgen.

Notunterkünfte für Heimatvertriebene im Lamm

Bis 1949 musste allein die Stadt Waldenbuch ca. 850 Geflohene und Vertriebene aufnehmen. Das alles war für eine Stadt mit damals 1.100 Haushaltungen eine schier unlösbare Aufgabe. Neuankömmlinge wurden ins Schloß, in die alte Turnhalle, das Gasthaus Post, sowie in die Säle der Gasthäuser Linde, Krone und auch Lamm eingewiesen. Maria (Mitzi) Müller, geb. Wagner, Jahrgang 1930, aus Neudorf/Südböhmen erinnert sich:

“Wir waren zu fünft und wurden in dem Fachwerkhaus über dem Eiskeller vom Gasthaus Lamm zwangseinquartiert. Hier wohnte bereits meine Schwester mit Mann sowie ihre Schwiegereltern. Später kamen wir fünf noch dazu. Es gab nur einen großen Raum mit einer Küchenecke. Die Toilette war außerhalb. Wir waren also zu zehnt in einem großen Raum – aber wir waren froh, dass wir davongekommen waren.”

 

Alma Goßlar, Lamm Wirtin von 1973 bis 1977, erzählt wie es damals im Lamm zuging!

ca. 1974. Alma Goßlar. Foto: Robert Ceska

Einmal war eine Hochzeitsfeier im Lamm geplant. Doch die Braut hat den Bräutigam sitzen lassen, was die Hochzeitsgesellschaft nicht davon abgehalten hat, zu feiern und kräftig zu bechern.
Damals war das Lamm noch kein Speiserestaurant. Es war eine Dorfkneipe wo man vesperte und viel Bier und Wein trank. Es wurde geraucht und Karten gespielt. Trotzdem hat die Wirtin einen Teil des Gastraums immer für eventuelle Essensgäste weiß eingedeckt.

1974. POK Lorenz Hümmer. Foto L. Hümmer

Freitagabends war es immer besonders schön, lustig und lang. Nach der Probe kamen die Musiker der Stadtkapelle Waldenbuch immer zum Zechen. Der Abend ging bis in die frühen Morgenstunden. Nach der Polizeistunde wurden die Rollladen heruntergelassen und es wurde weiter gefeiert.

Doch da es gab einmal Besuch vom Dorfpolizisten Lorenz Hümmer, der die Einhaltung der Sperrstunde überwachte. Da war große Not! Er notierte sich ordnungsgemäß die Namen der Sünder. Doch neu im Amt, kannte er fast keinen der Gäste mit Namen, weshalb einige als Spaß falsche Angaben zu Namen und Adressen machten.

ca. 1973. Text Rückseite: Gasthaus Lamm, 7035 Waldenbuch, Inh. A. Goslar, Tel (07157) 8089, gutbürgerl. Küche, Fremdenzimmer, Nebenzimmer mit Saal für 120 Personen. Im Ausschank Dinkelacker Biere. Postkarte: Gebr. Metz, Tübingen

B. Die Lammbrauerei

ca. 1910. Links befanden sich die Scheune und der Stall, in der Mitte der Eingang zur Wirtschaft und rechts der Gaststall. Das Gebäude wurde 1934 abgerissen und neu aufgebaut.

Die Bierbrauerei wurde durch Johann Jakob Eisenhardt eingerichtet und zusammen mit seinen beiden Söhnen Johann Jakob und Karl Heinrich betrieben. Sogar ihren eigenen Hopfen bauten sie erfolgreich an. Die Brauerei befand sich nicht im Gebäude des Gasthauses (was die Inschrift auf dem Gasthaus fälschlicherweise vermuten läßt), sondern oberhalb in der Kirchgasse. Erst 1856 war mit der Gastwirtschaft eine Brauerei verbunden. In einem Schreiben des Königlichen Kameralamts Stuttgart an das Stadtschultheißenamt Waldenbuch vom 4. Juni 1886 wurde festgestellt, das u.a. der Brauereibesitzer Schmidt jahrelang das Abwasser des Schloßbrunnens “für seine Zwecke kostenlos benutzt hat”. Deshalb war das Lammbier in dieser Zeit wohl so schmackhaft!

Zunächst pachtete Karl Müller in Calw eine Brauerei, bevor er im Jahre 1905 die stillgelegte Lammbrauerei in Waldenbuch kaufte, die vorher von diversen Pächtern – auch zeitweilig als Metzgerei – betrieben wurde.  Folgende Gebäude gehörten damals zur Lammbrauerei und zum Gasthof:

  • Brauereigebäude mit Eiskeller, oben in der Kirchgasse (rechts neben dem alten Pfarrhaus, heute Musikschule). Wurde 1980 als Wohngebäude neu errichtet.

    Fotos: Stadt-Nachrichten Januar 1986

  • Kühlschiff (Zwischengebäude) mit einer Wanne
  • Fachwerkhaus (Wohnhaus von Robert Müller). Im Untergeschoss war der Gärkeller (Bottich) und das Bierlager mit Eiskeller, wo das Bier in großen Fässern lagerte.

    ca. 1940, Im Keller des Fachwerkhauses rechts befand sich das Lager mit den vollen Bierfässern, das mit dem Natureis gekühlt wurde. Davor eine Art Laderampe.

  • Gebäude des Gasthaus Lamm, Auf dem Graben, mit Stallungen für 2 Kühe und ein Pferd sowie Gaststallungen. Das Gasthaus befand sich im 1. Stock. Das Gebäude wurde 1934 abgerissen und neu aufgebaut und im 1. Stock Fremdenzimmer eingerichtet.
  • Die Familie bewohnte im Altbau den 2. Stock und im Neubau den 1. Stock, in dem auch die Fremdenzimmer waren.

1934. Plan des Erdgeschosses des Neubaus des Gasthof zum Lamm. Für größere Ansicht aufs Bild klicken.

 

Der Grundriss des Erdgeschosses nach dem Neubau des Gasthauses entspricht größtenteils der heutigen Raumaufteilung. Der Eingang in die Wirtschaft war auch der einzige Zugang, da der Eingang zum kleinen Saal geschlossen war und als Garderobe diente.

Der Brauereibetrieb

Robert Müller

Theodor Müller

Vater Karl und seine Söhne Robert und Theodor kümmerten sich um das Bierbrauen. Hopfen und Braugerste wurden aus der Region bezogen. Das Malz wurde selbst hergestellt und die dabei entstandenen Rückstände wurden als Futter an die Landwirte verkauft.

Natureis wurde für die Kühlung des Bieres im Lagerraum (Eiskeller) verwendet. Außerdem wurde es mit dem Bier zusammen an die Gaststätten geliefert, da diese damals noch keine Kühlschränke hatten. Das Eis wurde im Winter mit Hilfe des Eisgalgens, der dann Auf dem Graben errichtet wurde, selbst erzeugt. Zusätzlich wurde Natur-Eis in Blöcken aus der Aich gesägt. 1928 wurde eine elektrische Eismaschine gekauft mit der das Stangeneis dann selbst hergestellt wurde. Das Bier wurde bis in den späten Sommer zusammen mit den Eistafeln zu Gaststätten, Lebensmittel-geschäften und anderen Kunden mit dem Pferdewagen, später LKW, transportiert. Das im Eiskeller in der Kirchgasse gelagerte Eis wurde über eine Rutsche bis in das Bierlager befördert und später zusammen mit den Bierfässern oder Bierkästen zum Weitertransport an die Kunden aufgeladen.

Der Eisgalgen

Mit dem sog. Eisgalgen wurde Natureis erzeugt. Rechts unten Karl Müller.


Kindheitserinnerungen an den Eisgalgen in Waldenbuch während und nach dem letzten Krieg.
Dezember 2016. M. Kappeler.

1950er Jahre. Spielplatz Eisgalgen. Für größere Ansicht aufs Bild klicken!

“Wo stand der Eisgalgen in Waldenbuch? Während des Schlittenfahrens fiel uns ein, zum Eisgalgen zu gehen und zu sehen, wie er sich wieder verändert hatte, wir nahmen unseren Schlitten und zogen ihn die Grabenstraße hinauf. Manchmal waren die Eiszapfen klein, glitzerten in der Sonne und tropften. Manchmal hingen sie groß und schwer bis zum Boden und waren mit Schnee bedeckt, für uns Kinder ein Traumbild in weiß. Staunend standen wir davor. Sie erinnerten mich an Großmutters Weihnachtsbaum mit den weißen Glaskugeln und Zapfen, nur viel größer und schöner. Immer wieder arbeiteten dort Männer, sie schlugen die großen Zapfen ab und luden sie auf ein Pferdefuhrwerk. Voll beladen fuhr der Lammwirt mit dem Fuhrwerk die Marktstraße hoch, über den Marktplatz, an der Kirche vorbei zum Eiskeller. Dort wurden sie auf einer langen Rutsche auf der Nordseite des Schloßbergs in den Eiskeller hinuntergelassen. Den ganzen Sommer über mußten sie das Bier kühlen, denn es gab eben in den Häusern noch keine Kühlschränke. Wollte man ein kühles Bier trinken, ging man mit der Milchkanne zum Lammwirt und kaufte es, kühl aus dem Fass. Das geschah meistens am Wochenende, denn während der Arbeitswoche wurde vom eigenen, selbstgemachten Most getrunken, den man auch auf das Feld und zur Waldarbeit im Steinkrug mitnahm.”

Waldenbucher Devotionalien für Biertrinker der Lammbrauerei

Das Bier für den Ausschank im Gasthaus Lamm wurde für die Zapfanlage in kleinere Fässer abgefüllt. Die Bierfässer wurden ca. einmal jährlich “ausgepicht”. Es wurde heißes Pech in die Fässer gegossen um sie abzudichten. Eine schwere und nicht ungefährliche Arbeit der Brauer.

1933. Handwerkertag

1933. Handwerkertag. Festwagen der Lamm-Brauerei: “Hopfen & Malz, Gott erhalts”. Kutscher Fritz Gehring, daneben sitzend Walter Wagner (Gasthof Krone). Rechts Karl Müller.

ca. 1940. v.l. Robert, Karl und Theodor beim Auspichen der Bierfässer.

Auch Schnaps wurde in Lohn sowie für den Eigenbedarf im „Lamm“ gebrannt. Die Brennrechte wurden später (1980) an Theodor Pfannenschwarz  (Jägerhaus) verkauft.

Bier wurde bis ca. 1968 gebraut. 1969 wurde die Brauerei aufgelassen, d.h. das Bierbrauen wurde für immer eingestellt.

 

1924. Wingolf Studenten beim Schabernack an der Lamm-Brauerei.

Eine Kindheit in bierernsten Zeiten – Rudi Hoyh berichtet als Zeitzeuge über den Brauereibetrieb.

2020. Rudi Hoyh. Foto: W. Härtel

ca. 1950. Altes Schulhaus am Marktplatz

Mein Schulweg führte von der Liebenau erst zum Lamm und dann nach oben durch die Brauerei hindurch zur Schule am Marktplatz. Das war der kürzeste Weg für mich. Mein Opa, Karl Müller, war damals der Braumeister. Immer wenn er mich sah, musste ich eine kleine eiserne Treppe hinaufsteigen zum Braukessel. Dort schöpfte er etwas heißes Bier aus dem Kessel, was ich dann trinken sollte. Es schmeckte fürchterlich, aber er sagte, es ist gesund und du wirst nicht krank! Ich war damals etwa zehn Jahre alt. Anschließend ging es weiter in die Schule. Das ging jeden Tag so, von Montag bis Samstag! Da habe ich das Brauen des Bieres direkt mitbekommen.

So sahen die eisernen Bierkästen aus.

Die Brauerei bestand damals aus drei Etagen. Oben war die eigentliche Braustube, in der Mitte gab es eine Kühlanlage zum Abkühlen des Biers, dort wurde später auch künstliches Eis hergestellt. In der unteren Etage stand die Abfüllanlage. Dort wurde das Bier von Hand abgefüllt. Flasche für Flasche! Es war in Höhe des Eiskellers. Über dem Eiskeller hat mein Onkel Robert gewohnt. Onkel Theodor hat das Bier abgefüllt, und in die Eisenkästen gestellt. Ich musste dann die vollen schweren Kästen auf einen Bock stellen und von Hand etikettieren. Ein voller Eisenkorb wog mindestens 25 kg. Mit 10 Jahren! Von dieser Arbeit habe ich bleibende körperliche Schäden davongetragen. Damals musste ich das  machen und bekam ab und zu 50 Pfennige. Mir wurde für die Arbeit Geld versprochen, aber das habe ich nicht bekommen. Zugesagt wurden mir pro Kasten etikettieren 10 Pfennig. Nachdem ich mit 30 Körben fertig war, hätte ich 3 Mark bekommen sollen, doch ich erhielt nur 50 Pfennige. Ich habe mich damals ausgebeutet gefühlt. Meine Mutter wurde immer angerufen, wenn ich die Schulaufgaben machte „Rudi soll kommen zum Etikettieren“. Dann bin ich aufs Fahrrad gestiegen, zur Brauerei gefahren und habe dort 20-30 Kästen etikettiert. Das war das normale Quantum und ein Scheiß Geschäft. Zunächst wurde das untere Etikett angeklebt und dann die obere Banderole. Angestellte gab es in der Brauerei nicht. Je nach Bedarf wurden Tagelöhner eingesetzt. Einen festen Mitarbeiter konnte man sich nicht leisten. Die Kinder von Robert und Theodor, waren noch zu klein, um zu mitzuhelfen, also musste ich ran. Auch beim Auspichen der leeren Bierfässer habe ich mitgeholfen. Hierzu musste heißes Pech in das vorher gereinigte Fass gegossen und mit einem Korken verschlossen werden. Dann wurde das Fass so lange geschwenkt und gedreht werden, bis sich das Pech gleichmäßig verteilte und das Fass dicht war. Diese Arbeit wurde unten vor dem Gasthaus gemacht. Ich war der einzige, der diese schwere Arbeit regelmäßig verrichten musste, bis ich mit 14 Jahren bei meinem Vater in die Lehre gegangen bin. Dann musste ich nicht mehr in der Brauerei arbeiten. Welch ein Glück!

ca. 1950. Gasthof Waldhorn – Eugen Bachmann.

Es gab noch andere schwere Arbeiten: Im Winter wurde das Eis mit dem Eisgalgen hergestellt, sofern es genügend Frost gab. Auch wurden am Wehr Eisplatten aus der Aich gesägt. Das ganze Eis wurde in den Eiskeller gebracht und kühlte das dort gelagerte Bier bis in den späten Herbst. Später wurde Eis auch in der Brauerei selbst hergestellt. Neben den Bierlieferungen wurden die Gaststätten auch mit unserem Eis beliefert, solange es noch keine Kühlanlage gab. Angelika Krieg vom Bachmann (Waldhorn) in der Glashütte erinnert sich noch gut daran: Theodor kam immer mit einem Sack voll Eis, um das Flaschenbier in der Theke zu kühlen.

Grafik: unbekannt

Das Bier der Brauerei wurde hauptsächlich an Gaststätten in der näheren Umgebung, nach Plattenhardt, Stetten und Echterdingen geliefert. Auch der Bachmann in der Glashütte schenkte Lamm-Bier aus. Geliefert wurde hauptsächlich Flaschenbier, weniger Fassbier. Bis zum Schluss erfolgte die Lieferung mit einem Opel-Blitz. Die zur Auslieferung vorgesehenen Bierkästen wurden nach unten auf eine Rampe transportiert und dann verladen. Auch hier musste ich manchmal Bierkisten schleppen. Für eine Modernisierung der Brauerei war kein Geld da.

ca. 1920. Schlossbrunnen mit Frau Forstmeister Pfeilsticker

Das Brauwasser wurde vom Schlossbrunnen bezogen. Anlässlich der 600-Jahrfeier von Waldenbuch im Jahr 1963, die ganze fünf Tage dauerte, wurde im Festzelt ein Jubiläumsbier der Lamm Brauerei ausgeschenkt. Die Qualität des Biers wurde sehr gelobt und die Brauerei kam mit der Lieferung kaum nach. Doch offenbar zahlte sich das Braugeschäft wirtschaftlich nicht aus – die Konkurrenz der Großbrauereien wurde immer größer.

1968 wurde die Brauerei dann geschlossen. An der Bierqualität hat es wohl nicht gelegen, doch Karls Söhne Robert und Theodor waren mittlerweile auch schon 65 bzw. 60 Jahre alt und hatten kein Interesse mehr am Brauereibetrieb. Ihre männlichen Nachkommen hatten andere Berufe gewählt, sie hatten kein Interesse an der Brauerei und so ging ein Kapitel Waldenbucher Geschichte zu Ende.”

Karl Müller verstarb 1955 nach kurzer Krankheit im Alter von 78 Jahren in Waldenbuch, wo er auch begraben wurde. In einem Nachruf der Filder-Zeitung wurde sein Leben gewürdigt.

 

C. Der Sozialdemokrat Karl Müller

Sozialdemokratisches Denken gibt es in Waldenbuch schon seit über 120 Jahren. Es wurde einst gepflegt und geäußert in einem Milieu von  Arbeitern und Handwerkern, deren Ansehen im Ort so geachtet war, dass man sie schon in den ersten Jahrzehnen des 20.Jahrhunderts in die örtlichen Gremien wählte, den Bürgerausschuss und den Gemeinderat. Zu ihnen gehörte auch Karl Müller.

1930. Karl Müller im Alter von 53 Jahren.

Dass er als Brauereibesitzer und Lammwirt im Erwerbsleben ein Schaffer war und stark beansprucht, hinderte ihn nicht, sich in die öffentlichen Belange der kleinen Stadt am Schönbuch-Rand einzumischen. Ab 1922 arbeitete er auf dem Rathaus im Gemeinderat mit, bis 1933, als das nationale Unheil nicht mehr aufzuhalten war. Sein Ruf als starke Persönlichkeit, die auch mit ihren politischen Ansichten nicht hinter den Berg hielt, war verbreitet. In seiner Wirtschaft war reger Publikumsverkehr, er hatte vielfachen Austausch und hörte zu und wusste so, wo die Leute der Schuh drückt. In der Rückschau verwundert es deshalb nicht, dass Karl Müller als exponierter Zeitgenosse 1933 ins Visier der neuen Machthaber geriet und Gefahr lief, wie sein Sohn wegen einer Bagatelle im Konzentrationslager auf dem Heuberg zu landen.

1950. Friederike und Karl Müller. Foto: Rosl Müller

Politische Betätigung war ihm bis zum Untergang der Nazi-Barbarei verwehrt. Auch in Waldenbuch war die SPD verboten. Zwölf Jahre verordnetes Schweigen, Unterdrückung, Ausschließung. Dass er das Kriegsende weniger als Niederlage, denn als Wende zum Besseren erlebt hat, liegt nahe. Dass er sich der Gemeinde gleich wieder zur Verfügung gestellt hat, trotz der Erfahrung ständiger Sanktionen in den Jahren des Unrechts, wirft ein erhellendes Licht auf seine Person. Dass er von den Amerikanern in den Entnazifizierungsausschuss bestellt wurde, lag an seinem unzweifelhaften Leumund. Und dass das „Lamm“ in den späten vierziger und den fünfziger Jahren wieder der Treffpunkt der Sozialdemokraten war, versteht sich von selbst.

Männer wie Karl Müller gibt es in der SPD-Geschichte nicht wenige. Männer mit Wagemut und Haltung. Wie Otto Wels im Großen, so viele im Kleinen, in der unmittelbaren Lebenswelt. Der Widerstand während der NS-Zeit besaß viele Alltagsgesichter. Die Gestapo hatte ihre Ohren überall, Spitzel konnte jeder Wegbegleiter sein. Die NSDAP hatte in Waldenbuch auch ihr Lokal: Das „rote“ Lamm befand sich am Anfang der Straße, an der Brücke über die Aich, der „braune“ Gasthof am anderen Ende. Man begegnete sich ständig. Dennoch gab es diesen  alltäglichen Widerstand, in heimlichen Unterlassungen, in kleinen Gesten, in schlichten Äußerungen. Fernab von jeglicher Staatsaktion, aber Ausdruck des Rückgrats und der Haltung. Karl Müller besaß Haltung.

ca. 1930. links Christoph Müller (Weilerberg), rechts Karl Müller. Foto: Rosl Müller

Haltung auch in den Friedenszeiten ab Mai 1945, in denen es in den ersten Wochen und Monaten darum ging, nach einer Phase des drohenden inneren Chaos im Rahmen des Besatzungsregimes neue Strukturen und Organisationen zu schaffen, die das Überleben in sichere Bahnen lenkten und eine erste Ahnung von der später wachsenden Überzeugung weckten, dass die siegreichen Heere auch Befreier waren.

Hinter den Deutschen lagen erdrückende Jahre des Führerprinzips, des Rassenwahns, des Krieges, der Kriegsverbrechen und des Völkermords. Wie sollte man da in die Zukunft gehen?  Wo war das orientierende Gerüst für ein friedliches Volk, eine gerechte Gesellschaft? Karl Müller hielt sich wie vor dem Krieg an den Wertehorizont der SPD, der eine gerechte Gesellschaft beschrieb.

2007. Gedenktafel für Willy Brand am Gasthaus Lamm, der am 12. und 13. April 1960 mit Frau Rut und Sohn Peter – auf der Durchreise – im Gasthof Lamm übernachtet hattet.

Er griff tatkräftig zu, zunächst als „Berufener“, später, als wieder gewählt werden durfte, erneut als Gemeinderat, dann auch als Kreisrat und als zweiter Bürgermeister unentwegt dem öffentlichen Gemeinsinn verpflichtet. Zum Vordringlichen gehörte damals auch die Aufnahme der Heimatvertriebenen aus dem Osten, eine Aufgabe, die den Wertehorizont ganz konkret werden ließ: gewiss haben die „Neubürger“ auch im Gasthof Lamm solidarisch eine erste Bleibe erhalten.

ca. 1960. Ehrenmitglieder Liederkranz Waldenbuch. vordere Reihe 2. v.l. Karl Müller. Foto: Foto-Edelmann

Viele von ihnen trugen in ihrem Gepäck eine sozialdemokratische Einstellung mit und fanden im SPD-Ortsverein ihre politische Heimat wieder. Karl Müller, längst selbst eine Waldenbucher Institution und auch im Sport- und Musikverein eine geachtete Größe, brachte im Einklang mit ihnen die lokale soziale Politik im unerschütterlichen Glauben an die demokratische Ordnung am Ort wieder ins Laufen.

Harald Jordan
SPD Waldenbuch


Mein Dank:
Herbert Gauß für seine Recherchen in Bad Teinach-Zavelstein und Harald Jordan für seine Würdigung des Sozialdemokraten K. Müller.

Quellen:
LRABB Kreisarchiv
Stadtarchiv Waldenbuch
Heimatbote von Waldenbuch Nr. 02/1938, Stadtpfarrer R. Essig.
Friedrich Wilhelm Karl Wisselinck: Flüchtige Bemerkungen auf einer Reise von Elbing in Preussen nach der Schweiz, Dritter Teil Seite 19 – 23, Elbing 1826.
A. Lipp A. Schmauder: Ein Jahrhundert Leben in Waldenbuch, S. 117, Stuttgart 1996
Zeitzeugen Rosl Müller und Rudi Hoyh

Fotos: Fotos und Grafiken sind von W. Härtel (Archiv oder bzw. W. Härtel), sofern nicht anders bezeichnet. Leider konnten nicht alle Rechteinhaber ermittelt werden. wenn Sie Rechte an den veröffentlichen Bildern besitzen, wenden Sie sich bitte an Wolfgang Härtel.

Wolfgang Härtel, im Dezember 2020

 

Update 26.02.2021, Filder-Zeitung

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