Gasthof zur Post von W. Barth

um 1895. Älteste Postkarte vom Gasthof zum Adler (Post). Für größere Ansicht klicken!

Die bewegte Geschichte des Gebäudes

Der altehrwürdige Gasthof zur Post in Waldenbuch ist ursprünglich als Jagdgasthaus zum Waldenbucher Schloss gebaut worden, da beim Abhalten von großen Jagden die Gäste in den bestehenden kleineren Wirtschaften nicht alle untergebracht werden konnten, berichtet der Chronist Otto Springer. Der Bäcker Eberhard Klein war seit 1733 Adlerwirt. Nach seinem Tod 1754 übernahm den Gasthof sein Sohn Johann Michael Klein, der auch kaiserlicher Reichsposthalter war. Um 1825 war ein Kielmeyer Posthalter und Besitzer den Gasthofs.

Letztgenannter war berühmt, nicht bloß durch Küche und Keller, sondern auch durch seine noblen Manieren, schnurrigen Erzählungen und — seine großen Rechnungen. Die Familie Kielmeyer betrieb in dieser Zeit noch andere Waldenbucher Gaststätten. Ein Mitglied dieser Familie ließ die Post z. T. abbrechen und als dreistöckiges Gebäude 1797 wieder errichten, so wie man es im Prinzip heute kennt und unter Denkmalschutz steht. Am Gebäude zu erkennen sind die Initialen des Erbauers „EFK“ (Kielmeyer), die Ziffern des Baujahrs „1797“ sowie das Jahr der Restaurierung „1984“ und die Initialen des Bauherrn „HG“ (Hans Golze).

 

Schiller, Goethe, Uhland – alle waren zu Gast in der Post

Unzählige berühmte Gäste besuchten den Gasthof, der auf dem siebenstündigen Weg zu Fuß zwischen Stuttgart und Tübingen lag, beispielsweise 1793 Schiller und 1797 Goethe. Auch Erzherzog Karl, der bekannte österreichische Feldherr gegen Napoleon, machte am 11. September 1799 in der Post zu Waldenbuch Mittagspause, wo ihm zu Ehren eine lang in Erinnerung der Einwohner bleibende Regimentsmusik gespielt wurde. In damaliger fußgängerischer Zeit nahm auch ein Ludwig Uhland es nicht schwer, gute Freunde durch den Schönbuch halbwegs nach Stuttgart, also bis Waldenbuch, zu begleiten und dann nach einem Scheidetrunk wieder nach Tübingen umzukehren.

Um 1890. Königlich Württembergische Postkutsche in Waldenbuch vor dem Gasthof Post auf dem Postplatz.

Durch die Poststation herrschte Großbetrieb. Neben der Unterbringung und Verpflegung der Gäste standen auch ständig 30-40 Pferde zur Umspannung der Frachtfuhrwerke bereit. Vor dem Haus war zunächst eine große Miste für den Pferdemist. Der Herzog sorgte aber dafür, daß hinter dem Haus abgegraben wurde und so der Mist dorthin gebracht werden musste. Durch die Entscheidung der Postverwaltung 1845, die Posthalterei in Waldenbuch aufzugeben und stattdessen in Echterdingen und Dettenhausen einzurichten, war die große Zeit dieses Gasthofs vorbei. Waldenbuchs Verbindungen zur Welt wurden 1875 jedoch durch die Einrichtung eines Telegrafen- und Postamts deutlich verbessert.

Die Familie Barth kaufte bereits 1895 den Gasthof

Im Jahre 1895 kaufte der aus Maulbronn stammende Wilhelm Louis Barth den „Gasthof Adler“ und nannte ihn später in „Gasthof zur Post“ um. Gleichzeitig übernahm er die Postagentur im Gebäude.

1904. Frontansicht des Gasthof zur Post. Zum Baugesuch auf das Bild klicken!

 

Wilhelm heiratet ein Jahr später die aus Dettenhausen stammende Rosine Katharine (Käthe) Hirth. Beide bewirtschaften die Post gemeinsam. Ab 1928 wurde der Gasthof altershalber verpachtet. Danach führten diverse fremde Pächter das Anwesen, bis 1947. Wilhelms jüngster Sohn, Hugo Barth, betrieb die Post noch bis zu ihrer endgültigen Schließung am 30. April 1960 und verkaufte sie schließlich.

Sanierung und Umbenennung 1984: Aus dem Gasthof zur Post wird die „Alte Post“

Das Gebäude des ehemaligen „Gasthof zur Post“, Auf dem Graben 22, wurde 1984 von dem Steinenbronner Hans Golze grundlegend saniert und heißt nun „Alte Post“. Es  beherbergt 2019 im Erdgeschoß ein Bistro und einen Pub, sowie in den anderen Stockwerken Wohnungen und eine Arztpraxis. Ein kleines Denkmal in Form einer bronzenen Postkutsche vor dem Haus erinnert an die große Vergangenheit des Gasthofes.

 

Die Ära der Gastwirtsfamilie Wilhelm Barth

ca. 1920, Familie Wilhelm Barth v.l.n.r.: Erich, Helene, Käthe, Hedwig, Wilhelm, Hugo und Gertrud

Stammbaum: drei Generationen der Familie Barth

Für eine größere Darstellung auf die Grafik klicken.

 

Erinnerungen an die Post: Das Wirtshausehepaar Käthe und Wilhelm Barth berichten

Wilhelm und Käthe Barth

Auf Wunsch ihrer Enkeltochter, Erika Haid, verfaßt Käthe 1940 im Alter von 74 Jahren ihren Lebenslauf, sowie den Lebenslauf ihres Mannes Wilhelm Barth. Beide werden in Auszügen hier wiedergegeben:

Käthes Leben: Es war ein Traum

Käthe wurde am 22. Januar 1867 in Dettenhausen geboren, als jüngstes Kind der Eltern Karl und Elisabeth Hirth, die bereits in Käthes Kindheit verstarben. Bei einer Stuttgarter Pfarrersfamilie fand sie eine zweite Heimat. Mit dieser Familie verbrachte sie mehrere Jahre in Südafrika. Eine Krankheit zwang sie, wieder heimzukehren. Als hart, aber segensreich empfand sie die Pflege einer alleinstehenden schwerkranken Frau bis zu deren Tode in Konstanz. Danach verheiratete sie sich 1896 im Alter von 29 Jahren mit Wilhelm Barth, der im Jahr zuvor den Gasthof zur Post in Waldenbuch gekauft hatte.

Die Arbeit als Wirtin war ein sehr arbeitsreiches Feld: Man servierte Mittagessen für Beamte, Angestellte, Geschäftsreisende und Kutscher mit ihren Pferdegespannen.

ca. 1918. Hier wurde gefeiert. Wilhelm Barth mit Gitarre und seine Gäste. Herr und Frau Hage, Apotheker Rudolf Uhland (unter Spiegel) mit Tochter, Küfer Bauer mit Frau (links).

Verschiedene Studentenverbindungen von Tübingen und Hohenheim sowie viele Stuttgarter machten ihre Sonntagsausflüge nach Waldenbuch und kehrten in der Post ein.

Aus gesundheitlichen Gründen musste der Gasthof 1928 verpachtet werden. Durch den Bau der Umgehungsstraße 1935 lief der Verkehr auch nicht mehr durchs Städtle an der Post vorbei. Die Folge war ein Rückgang des Geschäfts und die Schwierigkeit unter diesen schlechten Bedingungen einen Pächter zu finden. Deshalb versuchte Käthe die Post zu verkaufen. Sie fand aber keinen Interessenten.

Käthe Barth am Grab ihres Mannes Wilhelm Barth

Zwei ihrer sechs Kinder sind vorzeitig verstorben. Obwohl Käthe im Alter vereinsamt in ihrer Wohnung lebte, war es ihr im Leben nie langweilig. Rückblickend auf drei Generationen sagte sie: „Es war ein Traum!“ So zehrte sie im Alter gern von ihrer Afrikareise und den vielen Menschen aller Nationen, die sie kennengelernt hatte. Sie schrieb allen jungen Leuten und besonders ihren lieben Enkelkindern folgenden Vers ins Gedächtnis:

„Selig wer die Rosenjahre seiner Jugend so genießt, daß ihm noch im Silberhaare, die Erinnerung lieblich ist.“

Käthe verstarb 1946 im Alter von 79 Jahren.

 

Wilhelms Leben: Um nicht mit dem König verwechselt zu werden, nannte man in „Louis“

Prinzessin Katharina v. Württemberg

Wilhelm Barth wurde am 1. Juni 1860 in Maulbronn geboren, als Sohn von Karl Barth und Sophie Holl. Er hatte noch einen Bruder und vier Schwestern. Sein Vater war Wagnermeister und Spitalverwalter in Maulbronn. Wilhelm erlernte das Schmiedehandwerk, das er bis zu seiner Militärzeit ausübte. Von 1881-1884 diente er im 2ten Württb. Dragonerregiment Nr. 26 in Ulm.

„Louis“ Barth als Kutscher der Königin

Als großer Pferdefreund kam er nach seiner Militärzeit durch Empfehlungen an den Königl. Württb. Hof als Kutscher u. Diener zu Ihrer Kgl. Hoheit der Prinzessin Katharina v. Württemberg (Mutter des König Wilhelm II von Württemberg). Um Namensverwechslungen mit dem König zu vermeiden, wurde er auf Wunsch der Königin „Louis“ genannt. Jeden Sommer verlebte er im königlichem Umfeld ein paar Monate in deren Villa in Seefeld/Schweiz.

Wilhelm Barths Dienstherr: König Wilhelm II (1848-1921)

 

Um sich selbstständig zu machen, kaufte Wilhelm Barth in seinem 35. Lebensjahr den Gasthof in Waldenbuch. Als Gastwirt war er sehr beliebt und geachtet. Er unterhielt seine Gäste gern musikalisch durch seinen Gesang, außerdem spielte er Zitter, Gitarre und Mundharmonika. Die Post war damals das erste Haus am Platze.

Die Königsfamilie war ihrem früheren Diener sehr treu: sie besuchten ihn häufig bei ihren Durchfahrten in Waldenbuch. Selbst nach der Revolution 1918, der Abdankung und Umsiedlung nach Bebenhausen, besuchte der ehemalige König Wilhelm II noch in seinen letzten Jahren gerne die Barths in Waldenbuch.

Wilhelm Barth verstarb 1931 im Alter von 71 Jahren.

Auszug aus dem Gästebuch des Gasthof zur Post (1917 – 1934)

Gästebuch-Ausschnitt. Für größere Ansicht klicken.

Der erste Eintrag im Kriegsjahr 1917 in Gedichtform stammt von dem Gast Wilhelm Förstner anläßlich seines Erholungsurlaubs. Der letzte Gasteintrag datiert im Jahr 1934. Danach kommt ein undatierter Eintrag von Käthe selbst, der um 1938 erfolgt sein muß. Käthe hat wohl 10 Jahre nach ihrem Rückzug in den Ruhestand das Gästebuch in die Hand bekommen und in Erinnerungen geschwelgt. Sie bedauert, daß es versäumt wurde „schon in der Blütezeit unseres Geschäfts ein solches Gästebuch anzulegen“. Sie meinte sicher die Zeit vom Kauf der Post 1895 bis zu Beginn des 1. Weltkriegs 1914.

 

Einblicke in den Gasthof zur Post – Gaststätte und Wohnung

2015. Waltraud Höhn, geb. Barth

Waltraud Höhn, Tochter von Erich Barth, Enkeltochter von Postwirt Wilhelm Barth, erinnert sich an die Zeit in dem Gasthof zur Post in den 1940er bis Ende der 1950er Jahre. Es waren für sie prägende Kindheits- und Jugenderinnerungen.

 

Waltrauds Kindheitserinnerungen: „Wenn sie mir von Afrika erzählte, war ich ganz begeistert“

Meine Eltern: Emma und Erich Barth

„Am 14. Mai 1927 wurde ich als erstes Kind meiner Eltern, Emma, geb. Gscheidle aus Tübingen und des Erich Barth aus Waldenbuch geboren. Mein Vater war gelernter Koch und Kellner, er sollte einmal den elterlichen Gasthof übernehmen. Leider hatte er dazu nicht das nötige Interesse. Er übernahm dann die Postagentur, die vorher von meinem Großvater, Wilhelm Barth, verwaltet wurde. Meine Mutter, frühere Posttelefonistin in Tübingen, half ihm bei seiner Arbeit. So wuchs ich auf in der alten Post in Waldenbuch zwischen Briefen, Paketen und Telefon. Es war oft interessant, ich kannte viele Leute und, wie ich weiß, alle hatten Freude an mir“.

 

Großvater Wilhelm Barths Beerdigung

1931. Beerdigung von Wilhelm Barth unter großer Beteiligung der Waldenbucher. Für grosse Anzeige klicken!

„Ich war gerade 4 Jahre alt, als mein Großvater Wilhelm starb. Ich erinnere mich noch an seine Beerdigung, es waren sehr viele Leute da, denn er war ein geachteter Mann.

Er ist mir noch im Gedächtnis, und ich war stark beeindruckt als Kind, wie er noch Gitarre, spielte, und auch Zitter, an der eine 6-teilige Mundharfe mit verschiedenen Tonlagen angebracht war. Auf diese Weise hat er seine Gäste unterhalten.“

 

Die Wohnung der Großmutter Käthe Barth

„Meine Großmutter Käthe war eine kleine Person und eine gute Geschäftsfrau, sehr gepflegt und gut gekleidet. Ihre Wohnung war, wie man damals sagte: „eine Bessere“ – mit Sesseln, Bodenteppich, Klavier, gutem Porzellan und Bildern. Eigentlich verstand ich mich nicht besonders gut mit ihr. Aber wenn sie mir von Afrika erzählte, war ich ganz begeistert. Sie hat in mir das große Interesse an Afrika geweckt, welches ich bis heute behalten habe. Sie trug immer eine Brille und litt leider unter dem Grauen Star. Bis zum Kriegsanfang 1939 hat sie jeden Heiligabend nachmittags alle Kinder aus der Nachbarschaft zu sich eingeladen, beschenkte sie mit Kleinigkeiten und Brötchen. Es wurde gesungen und Gedichte vorgetragen. Ihr Weihnachtsbaum war von mittlerer Größe, stand in einem Ständer, der den Berg Sinai darstellen sollte. Darin eine kleine Krippe und das Wichtigste: eine Spieluhr, die Weihnachtslieder spielte und der Baum drehte sich dabei. Dies ist eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen.

Unsere Wohnung im ersten Stock war klein ohne Bad und Zentralheizung. Unser Familie wuchs. Ich bekam noch einen Bruder und eine Schwester. Jeden Samstag wurden wir von unserer Mutter in der Küche in einen Zuber gesetzt und einer nach dem Anderen gebadet. Es gab nur im Wohnzimmer einen kleinen Kachelofen, der im Winter angezündet wurde. Er wurde mit Holz und Kohle beheizt. Einen Trick gab es aber: Wenn man ein Bricket fest in feuchtes Zeitungspapier einwickelte, war morgens noch Glut im Ofen. Für den Holzvorrat mussten wir Kinder das gespaltene Holz im Sommer in Körben auf die Bühne tragen. Das gefiel uns gar nicht.

Als ich so 10 Jahre alt war musste ich oft Eilbriefe und Telegramme austragen, dafür bekam ich 10 Pfennige und ich erinnere mich auch noch an das große Stöpsel-Telefon. 1934 kam ich in die Waldenbucher Volksschule“.

 

Die Nachbarn: Buchbinderei, Besenbinder und Hufschmied

ca. 1930. Bürstenbinder Gottlieb Fuchs

1956. Anzeige

„In unserem Haus war eine Buchbinderei mit Papierladen, Büchern und Tabakwaren. Es gab dort auch Kautabak und ich weiß sogar wie der schmeckt: „Pfui Teufel“!- Ja ich weiß wie ein Buch gebunden wird und wie die Maschinen dazu aussahen. Der nächste Nachbar war der Besenbinder Gottlieb Fuchs. Ich saß oft in dieser Werkstatt und habe zugeschaut wie Besen und Bürsten entstanden.

ca. 1920. Schmiede von Johannes Herre

Manchmal bekamich einen kleinen Besen geschenkt. Dann war da noch der Hufschmied Johannes Herre. Er arbeitete in einer ganz dunklen Werkstatt. Nur das Feuer in der Esse und eine Petroleumlampe machten ein wenig hell. Die Pferde wurden im Freien beschlagen. Wenn die Hufeisen aufgebrannt wurden, stank das furchtbar und ich sah zu, wie ein Hufeisen geschmiedet wurde. Es wurde zum Erkalten mit einer großen Zange in einem Wasserkübel getaucht und das hat dann ganz toll gezischt.“

 

Wie war das Leben in der Post?

ca. 1920. Blick in Gastraum, Nebenzimmer und Saal des Gasthof zur Post

„Den Haupteingang mit einem Rundbogen betrat man vom Postplatz aus. Sowohl Gäste als auch Bewohner benutzten damals diesen Eingang, um ins Haus zu gelangen. Rechts daneben war ursprünglich die Kolonialwarenhandlung von Wilhelm Binder, danach hatte der Buchbinder Karl Raisch sein Geschäft. Unter dem Ladentisch war ein großer Topf mit Kautabak („schwarzes Zeug“) zum Verkauf. Es gab auch Zigaretten. Hinter dem Geschäft waren Wohn-, Schlafzimmer, Küche und ein Keller“.

Ein Stall für bis zu 40 Pferde

„Ganz links war früher der Pferdestall mit Futterkrippen für 30-40 Pferde, der später als Garage diente. Dann kam die Scheune, in der das Heu gelagert wurde, die nicht so hoch war, sondern nur bis zum Boden des 1. Stockwerks reichte. Danach kamen Schweinestall, Gewölbekeller, Haupteingang und Ladengeschäft“.

 

10 Gästezimmer und 2 Toiletten

„Im ersten Stock waren die Gastwirtschaft sowie ein Nebenzimmer und der Saal. Außerdem die Küche, Waschküche und Vorratskammern. Der größte Teil des Obergeschosses war die Wohnung der Gastwirtsfamilie Wilhelm und Käthe Barth mit ihren Kindern. Ein langer Gang führte zu den ca. 10 Gästezimmern, die Fenster nach hinten hatten. Die Zimmer hatten kein fließendes Wasser. Es gab ursprünglich nur ein Klo, das auf dem hinteren Eck war, aber stillgelegt war. Es wurden später zwei Toiletten mit Wasserspülung und Handwaschbecken, eins für die Gästezimmer (2. Stock) sowie eins im EG für die Gastwirtschaft eingebaut. Es gab ein Treppenhaus nach oben, wo es ein Badezimmer vor allem für die Großeltern gab. Meine Familie, wohnte auf dem hinteren Eck, also zur Marktstraße hin.“

Wie sah die Poststation aus?

„Im Gasthof war auch die Waldenbucher Post- und Telegrafenstation. Sie war im 1. Stock im hinteren Teil des Gebäudes (Am Hirschhof) unter unserer Wohnung. Von dort aus konnte man direkt zur Poststation hinunter gehen. Posthalter war zunächst Wilhelm Barth und später mein Vater Erich Barth. Meine Mutter Emma Barth war Telefonistin bei der Post in Tübingen. Ich erinnere mich auch noch an das Stöpsel-Telefon. Telegramme und Eilbriefe wurden von mir als Botin während meiner Schulzeit zugestellt. Ich fuhr mit dem Fahrrad zu Ritter oder in die Raumühle oder Liebenau. Deshalb kam ich auch in Waldenbuch in sehr viele Häuser. Für meine Leistungen verlangte ich von meinem Vater 10 Pfenning“.

Warten auf einen Telefonanruf

„Die Post hatte eines der wenigen Telefone in Waldenbuch. Nur Arzt, Zahnarzt, Pfarrer und das Rathaus hatten Telefon. Eingehende Gespräche für die Bürger mussten vorangemeldet werden. Ich benachrichtigte die Menschen, dass sie zum Telefonieren auf die Post kommen sollten. Die Leute sind gekommen und es gab es einen Rückruf und dann konnten die Leute telefonieren. In der Zwischenzeit mussten die Leute im Vorraum der Post warten. Es gab an der Poststation einen Vorraum mit einem Verschlag und einem Postschalter mit einem Schiebefenster sowie eine schalldicht ausgepolsterte Telefonkabine.“

„Alles war so hochspannend für mich, dass ich es gar nicht beschreiben kann“

„Im Gasthof war unter dem Dach eine riesengroße Bühne (Dachboden). Man heizte und kochte früher vorwiegend mit Holz. Hinter dem Haus war ein Gärtle. Hier wurde das Holz gespalten. Von dort mussten wir Kinder das Holz dann ganz hoch auf die Bühne tragen. Das war eine Katastrophe für uns. Aber nachdem meine Großmutter die Gastwirtschaft aufgegeben hatte, wurden viele Gegenstände auf die Bühne geschafft. Als Kind war das sehr interessant, wenn ich da mal in die abgeschlossenen Holzverschläge hineinkam! Da waren die ganzen Wirtschaftsutensilien, Bilder, Spiegel, Möbel, alte Überseekoffer aus Holz, Kisten und Theaterutensilien vom Saal. Alles war so hochspannend für mich, dass ich es gar nicht beschreiben kann.“

Die letzten Kriegsjahre: Einquartierung

„Bis 1940 war die Gaststätte in Betrieb. Bis 1946 war die Post besetzt: 1944-45 durch deutsches Militär (mot8), 1945 durch Franzosen/Marokkaner und 1946 durch Heimatvertriebene. Wegen der Fliegerangriffe im Rheinland wurden auch Menschen in der Post einquartiert. Es waren vorwiegend Frauen und Kinder (3 Frauen mit 8 bis 10 Kindern). Sie wohnten in den ehemaligen Gästezimmern und im Gewölbekeller. Großelterns Badezimmer wurde als Küche umfunktioniert. Trotz der großen Enge und der vielen Menschen hat es funktioniert.“

„Plötzlich ging ein Geschoss knapp über ihrem Kopf vorbei.“

„Es war Vollmond und warm am 20. April 1945. Am Abend vor dem Einmarsch der Franzosen war Ausgehverbot und wir sind alle im Keller gewesen, bloß meine Großmutter Käthe nicht. Sie war eine fromme Frau. Wenn die Flieger kamen, hat sie laut gebetet und laut Kirchenlieder gesungen. Aus Neugierde hat sie den Vorhang ein wenig aufgezogen und zum Fenster hinausgeschaut. Plötzlich ging eine Geschoss knapp über ihrem Kopf vorbei. Anschließend ist sie dann heulend und zitternd zu uns in den Keller gekommen.

In allen Wirtschaftsräumen hatten sich Marokkaner einquartiert. In zwei Zimmern waren Offiziere und ein französischer Arzt. In der Post wohnten damals ca. zehn Frauen, meine Mutter, Herr und Frau Raisch und ich sowie ca. acht evakuierte Frauen mit ihren Kindern, zwei alte Männer und ein evakuierter älterer Mann. Das Haus war voll mit Marokkanern. Wenn man weiß, dass damals viele Frauen vergewaltigt wurden, dann waren wir alle in der Post sehr sicher. Hier ist keiner Frau etwas passiert. Wegen der Anwesenheit der zwei Offizieren ist wohl keiner Frau etwas angetan worden. Meine Mutter musste jeden Tag für einen ganzen Tisch voller Marokkaner kochen. Wir mussten auch jedes Mal gemeinsam mit ihnen essen. Vielleicht hatten sie Angst, dass wir sie vergiften? Das Fleisch und alle anderen Zutaten haben die Marokkaner selbst geliefert.“

 

Wie es nach dem Krieg weiterging: Vom Kino bis zum Verkauf 1960

1956. Anzeige in einer Festschrift.

Käthes Sohn, Hugo Barth, kam 1946 aus der Gefangenschaft zurück und übernahm 1947 den Gasthof zur Post.  1953 gab es in Waldenbuch das erste stationäre Kino (Post-Lichtspiele) im ziemlich behelfsmäßigen und beengten Gasthof-Saal.

1947. Hugo Barth

Davor betrieb Hugo Barth bereits ein Wanderkino mit Aufführungen in Neckartailfingen, Holzgerlingen und Weil i. Schönbuch.

Nach Einstellung des Spielbetriebs in der Post pachtete Hugo Barth bis 1960 die neuerbauten Post-Lichtspiele (später Gloria-Lichtspiele). Schließlich verkaufte Hugo Barth das Gebäude 1960 an einen Käufer aus Steinenbronn (Golze).

 

Wolfgang Härtel
im Juli 2019

Fotos: Sammlung W. Härtel
Grafiken: Wolfgang Härtel

Danksagung

Für das ehrenamtliche Redigieren meines Berichtes bedanke ich mich herzlich bei der Texterin Jeanette Ottmar.

 

Bildergalerie „Gasthof zur Post“

Print Friendly, PDF & Email