Gasthaus zum Hirsch

um 1910. Gasthaus Hirsch von Karl Küstner in der Stuttgarter Strasse 13 (später Echterdinger Strasse)

 

Geschichtliches

Es gab bereits um 1600 im Hirschhof (zwischen Schloss und Obertor) einen Gasthof zum „Hirsch“. Von 1685 – 1694 war Johann Michael Batzel aus Barr/Elsass Hirschwirt. Danach war das Gasthaus annähernd 200 Jahre lang im Besitz der Familie von Jakob Klein*). Heute ist von dem ursprünglichen „Hirsch“ nichts mehr zu sehen.

Der nachfolgende Bericht bezieht sich auf das später gebaute Waldenbucher „Gasthaus zum Hirsch“ in der heutigen Echterdinger Strasse. Aufzeichnungen über Besitzer bzw. Pächter konnten bis auf 1885 zurückverfolgt werden. Damals hat der Metzger Jakob Landenberger die Wirtschaft von seinem Vater Gottfried Landenberger übernommen. Es folgten Gottfried Böpple (1899), Metzgermeister Karl Küstner (1907) sowie ab 1935 bis zur Schließung 1968 die letzten Wirtsleute Emil und Hilde Ottmüller.

ca. 1920. Blick vom Waldenbucher Schloss Richtung Norden. Der Hirsch hatte einen großen Garten.

 

Zeitzeugenbericht

Trudl Braun

Gertrud (Trudl) Braun, Tochter von Emil und Hilde Ottmüller, erinnert sich an die Zeit im Hirsch in den 1950er bis Ende der 1960er Jahre. Es waren prägende Kindheitserinnerungen.

Der Anfang in der Vorkriegszeit: Schluss mit kostenlosem Saufen

Meine Eltern haben das Gasthaus zum Hirsch nach dem Tod des Hirschwirts Karl Küstner 1935 gekauft. Danach saß die Witwe Louise Küstner jeden Abend am Stammtisch und hat mit den Gästen gezecht. Meiner Mutter war das ein Dorn im Auge und sie sagte zu ihr, dass sie nach dem Kauf des Hirschs hier nicht mehr kostenlos saufen könne. Sie kam nicht mehr!

Mein ältester Bruder Helmut wurde 1932 im Heimbach geboren, das war der Wohnsitz meiner Eltern bis 1935, bevor wir in den Hirsch gezogen sind.

Meine Mutter hat in der Schokoladenfabrik gearbeitet und hat dort aufgehört, wo sie den Hirsch übernommen haben. 1936 wurde mein Bruder Theodor, genannt „Thedor“, im Hirsch geboren, er hat aber nie in der Wirtschaft gearbeitet. Nur mein Vater Emil, seine Frau Hilde und ich haben die Wirtschaft betrieben.

1939. Gasthaus und Cafe zum Hirsch

 

Im Wirtshaus geboren: Gertrud Ottmüller

Ich bin 1948 geboren. Meiner Mutter war es am Morgen des 4. Januar 1948 schon gar nicht gut. Der Vater sagte zu meinen Brüdern: „sie müssten jetzt anständig sein, er müsse jetzt die Frau Hoyh anrufen.“ Sie war damals die Hebamme in Waldenbuch. Meine Mutter ging von der Küche ins Schlafzimmer. Und so wurde ich am frühen Mittag geboren. Mein Vater ist dann in die Gaststube gegangen und hat meinen anwesenden Brüdern folgendes gesagt: „Ihr habt eine Schwester bekommen!“ Worauf Thedor antwortete: „ich hab mir halbe denkt daß heut noch was passiert.“ Am nächsten Tag lag ich in der Küche in einem Wäschekorb, den mein Vater geflochten hatte, auf einem Schemel neben dem Herd. Den Wäschekorb habe ich heute immer noch im Keller. Meine Mutter hat an diesem Tag unverändert weiter gekocht.

Ich habe nichts anderes als den Hirsch kennengelernt, durfte keinen Tanzkurs und keinen Führerschein machen. Auch durfte ich nicht schwimmen gehen, und nicht mit ins Schullandheim. Musste immer präsent in der Wirtschaft sein und mithelfen.

Kriegszeit: der Vater in Russland, die Mutter in der Wirtschaft

ca. 1956 v.l. Emil, Truld und Hilde Ottmüller

Meine frühesten Erinnerungen habe ich, als ich 4-5 Jahre alt war. Ich weiß nur, dass mein Vater in Russland im Krieg war und meine Mutter die Wirtschaft in dieser Zeit geführt hat. Mutter hat geschafft, einen großen Garten versorgt, der an den Hirsch angrenzte, da wo heute das Gästehaus steht. Das ganze Gelände, bis kurz vor der Krone, war damals ein großer Garten. Es gab Bohnen, Kartoffeln, Rosenkohl jede Menge Salat und Schnittlauch den ganzen Weg entlang. Meine Mutter war eine hervorragende Köchin und hat natürlich alles, was der Garten hergab, verwendet. Mein Bruder Helmut hat in Weil im Schönbuch in der Metzgerei Geiser als Metzger gearbeitet. Von hier hat man Fleisch und Wurst für den Hirsch bezogen.

Eine hervorragende Köchin und geniale Geschäftsfrau: Hilde Ottmüller

Am späten Nachmittag sind die Gäste so langsam eingetrudelt: Das waren Handwerker, das waren Maurer und das waren Nachbarn. Es gab keine festen Öffnungszeiten. Der Hirsch war halt immer offen. Es wurde nicht regelmäßig gekocht, man konnte auch einfach nur vespern. Meine Mutter war sehr erfinderisch. Mein Vater war die meiste Zeit in seiner Korbmacherwerkstatt beschäftigt. Wegen der billigeren Kunststoffkörbe nahm dieses Geschäft immer mehr ab.

Wirtschaftswunder: Abo-Mittagessen

Meiner Mutter ihr genialster Einfall kam Anfang der 1950er Jahre, als der wirtschaftliche Aufschwung auch die Firmen in Waldenbuch erreichte. Die Firma Lorch hat in der Bahnhofstraße gebaut, dann gab es Schlotz und Kunz (HK Werk) und vor allen Dingen die Schokoladenfabrik Ritter, zu der sie gute Beziehungen pflegte. Das Gemeinsame bei alle Firmen war, sie hatten noch keine Kantinen. Deshalb bot meine Mutter allen Mitarbeitern das sogenannte Abo Essen an. Der Hirsch war die einzige Gaststätte, die so etwas anbot. Wir hatten eine Frau in der Küche mit Namen Luise Ebinger und unsere Putzfrau Frau Tomena, Flüchtling aus Ungarn. Sie lief jeden Tag von der Liebenau zum Gasthof Hirsch und putzte dort.

Meine Mutter organisierte das Abo-Mittagsessen sehr professionell. Da ging es morgens in der Küche los: Riesentöpfe mit Kartoffeln. Sie kochte wie für uns, d. h. mit Rahm und mit Butter und alles vom Garten. Die Wirtschaft war immer proppenvoll. Eine weitere gute Idee war, das Essen auf zwei Schichten zu verteilen. Die ersten kamen um 11:30 Uhr und die zweiten so gegen 12:30 Uhr. Das Ganze hat sehr gut funktioniert. Der Mittagstisch hatte sich mittlerweile so stark herumgesprochen, dass wir beinahe überfordert waren.

 

Wenn du gut und viel Rostbraten essen willst, dann musst du in den Hirsch

1951. Anzeige in Festschrift 110 Jahre Liederkranz Waldenbuch

Sonntags kamen die Gäste überwiegend aus Stuttgart. Meine Mutter hatte ja zuvor in einem Stuttgarter Verlagshaus gearbeitet und dort die alten Kontakte gepflegt. Man lief über das Siebenmühlental zu uns zum Mittagessen. Sonntags gab es immer einen großen Topf Gries-Nockerlsuppe, gemischten Braten mit Nudeln oder Spätzle und Kartoffelsalat. Manche Gäste kamen nur, um Spätzle mit Soße zu essen. In unserem Riesenherd, der ursprünglich mit Holz und später mit Gas beheizt wurde, waren zwei getrennte Backröhren. Beide Edelstahlpfannen waren gefüllt mit Braten. So ging es bis in die 1960er Jahre hinein. In Waldenbuch sagte man: “Wenn du gut und viel Rostbraten essen willst, dann musst du in den Hirsch.“

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Männerturnen endete im Hirsch

ca. 1960. Alte Turnhalle „im Rohr“.

Freitagabend war immer Männerturnen des TSV in der alten Turnhalle vorm Ritter. Wenn die Turnstunde beendet war, dann sind sie alle in den Hirsch gekommen. Als erster kam immer der Karl Rieth, der war Zahntechniker und wohnte unter der Mauer neben dem Backhaus. Und wenn die gekommen waren, dann hatten die erst mal Hunger. Sie haben gevespert, geschwätzt, gelacht und getrunken. So gegen 11 halb 12 hat der Karl Rieth zu meinem Vater gesagt: „Emil hols Mensch!“ Und meine Mutter, die hat schon so gefunkelt, weil sie ja gewusst hat, daß wird wieder zwei halb drei in der Nacht. Mein Vater holte die Ziehorgel und Karl Rieth spielte für seinen Stammtisch, an dem 15 bis 18 Leute saßen „Kaiserjäger“ und „Warum ist es am Rhein so schön“. So war es im Hirsch!

ca. 1950er Jahre. Zündholzetikett

Am Sonntagabend war immer der traditionelle Stammtisch. Das war unsere Familie! Bei Konfirmationen sind die Leute einfach gekommen und waren da. Das Größte war, wenn Gottfried Ottmüller (Lebensmittelgeschäft am Marktplatz) kam (seine Frau Anna ist nie mitgekommen) und wenn der Tisch  schon voll war, dann rückten alle zusammen, denn der konnte Witze erzählen ununterbrochen 2 Stunden lang. Zu mir sagte er oft:“ Trudel jetzt musst geschwind naus. Das was ich jetzt verzähl, brauchst noch nett wisse“.

Polizeistunde: ein Viertele für den Büttel

ca. 1964. Polizeimeister Erich Kostorz und Hermann Früh in der Böblinger Strasse 7 vor dem Mietwagen von Paula Früh.

Freitags, wenn die Ziehorgel gespielt wurde, haben mein Vater oder meine Mutter zu später Stunde immer auf die Uhr geschaut, wegen der Polizeistunde. Dann wurde es auf einmal ruhig. Erich Kostorz, unser Ortspolizist, der die Polizeistunde überwachen sollte, ist nie in die Wirtschaft selbst gekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Er ist zur Haustüre reingegangen, den Gang vor und hat an der Schiebetür an der Theke kurz reingeschaut. Dann sagte mein Vater: “ es ist alles in Ordnung, wir hören gleich auf.“ Kostorz trank sein Viertele umsonst. Mein Vater fragte noch:“ Warst du schon im Lamm, warst du schon in der Krone?“ Worauf Kostorz mit nein antwortete und dann seinen Kontrollgang in die anderen Wirtschaften fortsetzte. Sobald der Büttel fort war ging‘s im Hirsch wieder weiter rund. Das Allerschlimmste war, daß meine Mutter vorzeitig ins Bett gegangen war, weil sie es mit ihren Füßen nicht mehr verkraften konnte. Mein Vater aber hat mit den Leuten weiter durchgemacht mit dem Ergebnis, dass am Schluss der Gang und das Klo vollgekotzt waren. Darauf sagte mein Vater zu mir: „hole einen Eimer, einen Lumpen und einen Schrubber, nicht dass die Mama das morgen früh sieht.“ Das habe ich dann morgens um eins auch noch gemacht. Aber es war schön, es war sehr lustig und es ist viel gesungen worden.

Wenn die Bude voll war, dann war mein Vater stolz und wir mussten springen

Mein ältester Bruder Helmut hat jedes Jahr Anfang Dezember ein riesen Schwein geschlachtet. Wir haben das mit den Resten aus der Küche gefüttert. Wenn es bei uns Schlachtplatte gab, dann hat man im Hirsch keinen Platz mehr bekommen. Das war eine richtig große Familie. Neben den Einheimischen kamen auch viele mit ihren angeheirateten Partnern, die man natürlich in die Gemeinschaft mit aufgenommen hat.  Wenn die Bude voll war, dann war mein Vater stolz und wir mussten springen. Ich musste dran denken am nächsten Tag um 6:00 Uhr wieder aufzustehen, weil ich um 7:00 Uhr in der Schule sein musste.

Getanzt wie der Lump am Stecken

Als in den fünfziger Jahren die Flüchtlinge kamen war das für meinen Vater ein rotes Tuch, weil er meinte, daß die ohne Arbeit alles bekommen. Meine Mutter hatte wieder eine gute Idee, indem sie in die Wirtschaft einen Plattenspieler aufstellte, und jede Menge Schellack Platten bereitstellte. Samstagabends hat meine Mutter schon mal begonnen, den Schneewalzer aufzulegen. Und dann kamen die jungen Flüchtlinge und haben Tische und Stühle auf die Seite gestellt und getanzt wie der „Lump am Stecken“.

Neid und Missgunst

Die Flüchtlinge haben meinen Vater nicht leiden können. Zu meiner Mutter sagten sie immer Frau Irsch, da sie das „H“ nicht aussprechen konnten. Viele der jungen Flüchtlinge haben beim Ritter, beim Lorch oder beim HK Werk gearbeitet. Die sind dann alle zu uns auch zum Essen gekommen, weil die Frauen ja auch alle gearbeitet haben, während die Alten die Kinder aufgezogen. Als die Flüchtlinge in den ersten fünf Jahren auf dem Weilerberg ihre ersten Häuser gebaut haben, war der Neid wieder da.

Große Pläne: Gasthof mit Metzgerei und Café

Zu dieser Zeit sollte mein Bruder Helmut in den Hirsch als Metzger einsteigen. Im Erdgeschoss sollte eine Metzgerei mit Ladengeschäft eingerichtet werden. Mein Vater hatte den Architekten Elsässer aus Leinfelden schon mit der Planung beauftragt. Gleichzeitig sollte auch die Gaststätte umgebaut werden, da es nach Hinten viel Raum gab. Es hätte eine tolle Sache werden sollen.

Sämtliche Pläne für die Umgestaltung des Hirsches wurden nicht umgesetzt. Damit die Konzession für die Gaststätte nicht erlosch, wurde das Lokal über einige Jahre hin einmal wöchentlich geöffnet. Das hat man auf dem Rathaus zwar angemeldet, aber nur ganz  wenige Leute wußten davon und es war dann mehr eine gesellige Runde mit ein paar ausgewählten Gästen. So wurde das Gasthaus zum Hirsch 1968 endgültig geschlossen.

Der Hirsch als Wohnung meiner Eltern

Weil im Hirsch in der ersten Etage nur Wirtschaft, Nebenzimmer, Küche und Toiletten waren, wurde die zweite Etage schon in den späten 1950er Jahren zur Wohnung umgebaut. Die hat vorher noch zur Scheune gehört. Als der Hirsch dann geschlossen war, hat man das Nebenzimmer zum Wohnzimmer umfunktioniert.

Dann wurde mein Vater krank. Nach längerem Krankenhausaufenthalt wurde er nach Hause entlassen, wo er am 27. November 1973 verstarb. Meine Mutter wohnte noch bis zu ihrem Tod 1991 im Hirsch.

Leerstand und Schandfleck im Ortsbild

Eigentümer des Grundstücks ist ein Teil der Familie Ottmüller. Seit vielen Jahren steht der Hirsch leer und ist in seinem jämmerlichen Zustand dem Verfall ausgesetzt. Man fragt sich wie lange diesen Anblick die Waldenbucher und ihre Gäste noch ertragen müssen?

2019. Trauriger Anblick

 


2019. Erinnerungen an bessere Tage?

 

Wie geht es weiter?

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Die Hoffnung stirbt zuletzt! Die Stadt Waldenbuch hat im Oktober 2018 einen Förderantrag beim Land gestellt, damit das Sanierungsgebiet „Erweiteter Altstadtkern“ in das Programm für städtebauliche Erneuerungsmaßnahmen für 2019 aufgenommen wird. Das Sanierungsgebiet betrifft auch das Hirsch-Areal. Dabei handelt es sich um das Gebiet (D) nördlich der Aich mit dem Kronen- und Farrenstall-Areal. Die Aufwertung des Gebietes mit Wohn- und Geschäftsbebauung, eine verbesserte Verkehrsführung durch einen Kreisverkehr und der Sanierung der Echterdinger wie auch der Nürtinger Straße zielen auf eine bessere Anbindung des Gebietes an die Altstadt ab. Einzelheiten hierzu auf der Homepage der Stadt.

Hoffen wir, dass damit dem „Trauerspiel Gasthaus zum Hirsch“ ein absehbares Ende bevorsteht.

Wolfgang Härtel


Danksagung

Für das ehrenamtliche Redigieren meines Berichtes bedanke ich mich herzlich bei der Texterin Jeanette Ottmar.


*) Vgl. Richard Essig, Heimatbote von Waldenbuch, Nr. 02/1938, Seite 4.

 

 

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