Uhland Apotheke

Apotheken im Herzogtum Württemberg

Offizin einer Apotheke Ende des 17. Jahrhundert.

Während heute besonders in Innenstädten und Fußgängerzonen eine Überversorgung an Apotheken besteht, kann man sich kaum vorstellen, wie unsere Vorfahren mit einer Mangelversorgung von Medikamenten leben mußten. Die älteste Apotheke in Württemberg war die 1413 gegründete Hofapotheke in Stuttgart.

Noch 1550 waren im damaligen Herzogtum Württemberg ausschließlich in Stuttgart und Tübingen insgesamt vier Apotheker in den beiden“Offizinen“ des Landes tätig. 1600 gab es schon in sieben Städten Apotheken. Auf den Fildern wurde in Möhringen 1794 die Mohren-Apotheke als erste durch Carl Friedrich Petzold aus Esslingen eröffnet. Vorher mussten die Filderbewohner die Apotheken in Stuttgart oder Tübingen aufsuchen. Im Vergleich zum flachen Land war Waldenbuch damals relativ gut versorgt. Um 1800 waren es im Herzogtum bereits 61 Apotheken.

Waldenbucher Apotheken

Waldenbuch in der Oberamtsbeschreibung Stuttgart (Amt) von 1851 [Quelle: Landesarchiv BW]

Im Frühjahr 1813 wurde das damals leerstehende Waldenbucher Jagdschloß zum Militärspital eingerichtet. So wurden zunächst Teile jener württembergischen Soldaten versorgt, die mit Napoleon gegen Russland ziehen mussten und überlebt hatten.

Die nach der verlustreichen Völkerschlacht bei Leipzig ab Oktober 1813 sich zurückziehenden Truppen Napoleons kamen über Monate hinweg durch das an der Heerstraße gelegene Waldenbuch. Springer schreibt darüber :“ Mancher Held dieser Tage durfte seine Wunden in dem für 400 Mann eingerichteten Waldenbucher Spital ausheilen, mancher schloß dort die Augen.“ Es ist davon auszugehen, daß dieses Spital auch über eine Apotheke verfügte, das aber sicher nicht für das gemeine Volk zugänglich war.

Anfänge: Apotheken im Schloß

Nachdem das Lazarett ca. 1820 aufgelöst wurde, errichtete der Apotheker Gottlob Daniel Waldbaur (Vater der Gründer der Schokoladenfabrik Waldbaur) die erste öffentliche Apotheke im Waldenbucher Schloß, als Filialapotheke der Möhringer Apotheke. 1823 erwarb Gotthold David Schumann die beiden Apotheken in Möhringen und Waldenbuch und führte sie bis 1843. Nachfolgende Besitzer waren Mägerlen, Reinhardt und Nathan Birkle, der von 1869 bis 1870 als letzter die Filialapotheke im Schloß führte.

Uhland Apotheke

1870-1895 Christian Uhland

Pillendose. Bitte klicken!

Die Erhebung der Filialapotheke in Waldenbuch zu einer selbstständigen Apotheke und Verleihung der persönlichen Konzession an den Apotheker Christian Uhland aus Nordheim bei Heilbronn, war der Beginn der bis heute bestehenden Uhland-Apotheke.

Christian Uhland,*1833-†1907, verheiratet mit Marie Charlotte, geb. Klipp, war der erste Apotheker, der außerhalb des Schlosses eine Apotheke betrieb. Der Neubau

1935. Emmabrunnen, Von einer anonymen Spenderin dem Württb. Tierschutzverein zum 70. Geburtstag gestiftet.

der stattlichen Apotheke um 1870,  war für Waldenbucher Verhältnisse ein Landmark mit dem 1932 errichteten Emmabrunnen am Fuße des Weilerbergs.

Leider gibt es von Christian Uhland kein Bild.

1872-1933 Rudolf (Friedrich) Uhland

Er ist in Waldenbuch am 7. September 1872 geboren als der Sohn des Apothekers Christian Uhland und der Marie Charlotte geb. Klipp. Er ergriff den Beruf seines Vaters. Seine Laufbahn als Apotheker begann er als Lehrling bzw. als

Gehilfe von 1888-1896 an Apotheken in Herrenberg und Ladenburg sowie bei seinem Vater in Waldenbuch. Danach Studium in

ca. 1909. Briefsiegel

Tübingen und Approbation 1898. Nach dem Studium heiratete er am 19. Juli 1898 mit Lina geb. Trück aus Baiersbronn. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und zwei Töchter hervor.  Er trat in die Apotheke seines Vaters ein, der 1907 verstarb. 1909 wurde ihm die Konzession zur Führung der väterlichen Landapotheke übertragen, die von nun an „Apotheke v. R. Uhland“ hieß. So blieb die Apotheke weiterhin in Familienbesitz. Leider verstarb 1925 seine Frau sehr früh, so dass er 1927 ein Zweitesmal Margarete, geb. Frey aus Haslach/Pfalz (1882-1971) heiratete.

Als Apotheker gehörte Rudolf Uhland zu den Honoratioren im ländlich und beschaulichen Waldenbuch. Man traf sich in den örtlichen Gasthäusern zum geselligen Beisammensein und politisierte über das deutsche Schicksal nach dem verlorenen ersten Weltkrieg. Uhland war beliebt und hatte stets ein offenes Haus.

Ca. 1918. Gesellige Runde im Gasthof Post, Herr und Frau Hage, Apotheker Rudolf Uhland (unter dem Spiegel) mit Tochter, Fam. Wilhelm Barth, Friedrich und Luise Bauer, Stadtpfleger und Küfer.

Am 1. Februar 1933 starb Rudolf Uhland im Alter von 60 Jahren. Er wurde unter großer Beteiligung der Waldenbucher zu Grabe getragen.

4. Februar 1933. Beerdigung von Apotheker Rudolf Uhland. Dem Leichenzug vorangetragen wurde die Fahne des Turnvereins, dann folgten die Sänger. Vor dem Sarg, getragen von sechs SA-Männern, ging der Pfarrer Richard Essig, danach kam die SA.

Heimatdichter und Nationalsozialist

Als Urgroßneffe des großen Dichters Ludwig Uhland verstand sich Rudolf Uhland auch als Heimatdichter. „Die Gedichte von Rudolf Uhland waren kerndeutsch und galten in erster Linie dem Vaterland. Daher kommt es auch, daß er zu den alten Kämpfern der nationalen Idee gehörte und schon früh den Weg fand zur großen nationalsozialistischen Bewegung. Jeder der dichterische Begabung hatte und dazu deutsch gesinnt war, ist ihm ein willkommener Freund gewesen.“ (Gottlob Mast in Die Filder-Scholle, Nr. 5, Juli 1936, S. 3f).

Über das 1936 abgerissene Gebäude berichtet Gottlob Mast weiter: „Die Apotheke von Waldenbuch, sie muss vergehen. Das Tempo der heutigen Zeit ist ein schnelleres, als damals, da noch die Postkutsche an der Apotheke vorbeifuhr und mancher Tübinger Student auf dieser Straße wanderte. Die Apotheke war aber nicht nur eine bekannte Stätte der Gastfreundschaft, das Gebäude bereicherte auch das Gesamtbild von Waldenbuch. Außerdem barg die Apotheke in ihren Wohnräumen, man möchte sagen, ein kleines Museum. Überall waren Wände von Bildern mit Dichtern verhängt, die zum größten Teil mit Widmungen für das Uhlandhaus versehen waren. Rudolf Uhland, der verstorbene Apotheker und Dichter von Waldenbuch, er wird weiterleben in unseren Herzen als lieber Freund, als treuer Kämpfer für Adolf Hitler und als echter Nationalsozialist.“

In seinem Nachruf beschreibt ihn Stadtpfarrer Essig wie folgt: „Mit weltoffenem Herzen nahm er die Schätze der Dichtkunst in sich auf, die durch deutsche Dichter und Denker unsrem Volke geschenkt wurden. Die Liebe zu volkstümlicher Art und Sitte ließ ihn gerne teilnehmen an allem, was auch in unsrer Gemeinde sich in diesem Sinne auslebte, und gastfreundlich öffnete er weit die Tore seines Hauses, um viele teilnehmen zu lassen an dem, was sein Herz bewegte.“

 

Beerdigung von Apotheker Rudolf Uhland, am 4. Februar 1933 auf dem Alten Friedhof. Für grössere Ansicht auf Bild klicken.

Die Süddeutsche Apotheker-Zeitung,  vom 7. November 1933 ehrte Rudolf Uhland mit folgenden Worten:

„In Gedenken an den verstorbenen Heimatdichter, Apotheker und Parteigenossen Rudolf Uhland in Waldenbuch bei Stuttgart wurde an der Linde vor der Apotheke eine Tafel angebracht mit der Aufschrift Uhland-Linde.“

2010. Hier steht sie noch, die 90 Jahre alte Uhland-Linde an der Abzweigung zum Weiler Berg. Das Naturdenkmal war marode und musste der Verkehrssicherheit weichen.

Hier einige seiner Gedichte:

Dem Luftschiff „Graf Zeppelin zum Dank!
Graf Zeppelin überfliegt Waldenbuch
Zum Geleit (pdf Download)

1905. Postkarte geschrieben von Rudolf Uhland an einen Freund.

 

1933-1945 Walter Uhland

ca. 1935. Walter Uhland

Bitte auf Bild klicken

Nach dem Tod von Rudolf Uhland 1933 wurde die alte „Apotheke v. R. Uhland“ an der Weilerbergstrasse vom Sohn Walter Uhland weitergeführt. Das Gebäude wurde wegen des Baus der Umgehungsstrasse 1936 abgerissen und durch einen Neubau in der Gartenstraße 1, ersetzt. Die Apotheke, die Rudolfs Witwe Margarete gehörte, wurde von Walter Uhland bis zu seinem Tode 1945 fortgeführt. Die Todesursache ist unbekannt. Er wurde im Apothekenkeller tot aufgefunden. Die Witwe von Walter Uhland, Walpurga (Walli) geb. Meier, musste aus der Wohnung in der Apotheke ausziehen und ist dann in ihre pfälzer Heimat verzogen.

 

ca. 1948. Apotheke v. R. Uhland.

 

1945-1952 Walter Dörr

Walter Dörr, dessen väterliche Apotheke in Stuttgart ausgebombt war, hörte von der verwaisten Apotheke und machte sich zu Fuß auf nach Waldenbuch, verhandelte mit Margarete Uhland, der Witwe von Rudolf Uhland, über die Fortführung der Apotheke. Dies gelang und es kam ein Pachtvertrag zustande.

Apotheker Walter Dörr. 1902-1952

Walter Dörr mit Frau und Kindern zog nach Waldenbuch und bewohnten die erste Etage, Margarethe Uhland die Dachwohnung der Apotheke.

Die Einrichtung der neuen Apotheke war etwas Besonderes. Lederbezogenes Sitzbänke, zwei Vitrinen, die im rechten Winkel angeordnet waren, dahinter war die Rezeptur. Auf der anderen Seite der Ladentisch. Auf der Holzvertäfelung hat Dörr folgenden Spruch aus Shakespeares „Romeo und Julia“ anbringen lassen: „Es liegt ein großer Schatz von Segensgaben im Kraut versteckt und im Gestein vergraben“.

Walter Dörrs Ehefrau, Hildegard (1917-2006), bekam zwei Mädchen: Hella geb.1937 und Inge (1939-2003). Walter legte großen Wert darauf, dass beide Töchter Apothekerinnen wurden. Er selbst verstarb unerwartet im Jahr 1952.

Beispiele aus der Sammlung Walter Dörr

Über Waldenbuch hinaus wurde Walter Dörr bekannt wegen seiner bedeutenden Sammlung pharmaziehistorischer Objekte und Dokumente. Die seit seiner Studentenzeit aufgebaute Sammlung pharmazeutischer Altertümer hatte er in die Räume der Uhland-Apotheke integriert. Die pharmaziehistorische Arbeit Walter Dörrs ist zu Lebzeiten nie in ihrem vollen Umfang wertgeschätzt worden. Die Liste seiner Veröffentlichungen und Berichte umfasst vier Seiten. Ihm wurde vorgehalten nicht wissenschaftlich zu arbeiten, da er z.B. grundsätzlich keine Quellenangaben machte. Seine Sammlung wurde von seinen Töchtern zunächst 1972 in die Rathaus-Apotheke in Steinenbronn aufgenommen und mit deren Schließung 2002 als Leihgabe dem Deutschen Apothekenmuseum im Heidelberger Schloss zur Verfügung gestellt, wo es heute noch zu sehen ist.

ca. 1946. Walter Dörr vor seiner Apotheke

Hinweis auf Veröffentlichungen von Walter Dörr:

Die pharmaziegeschichtliche Sammlung zu Waldenbuch, in Süddt. Apotheker-Zeitung, Nr. 51, 1949, S. 949ff
PZ Deutsches Apothekenmuseum, 13/2002; Sammlung Walter Dörr
Ein Sammlerleben. In Beiträge zur Württ. Apothekergeschichte, Band XVI Juni 1989, Heft 3, S. 69ff von Walter Wankmüller

1952-1972

ca. 1970er Jahre. Anläßlich 10-jähriger Mitgliedschaft im Arzneimittelgroßhandel EGWA. v.r: Hella und Inge Dörr.

Nach dem Tod von Walter Dörr 1952, im Alter von 49 Jahren, war die Uhland-Apotheke zunächst verwaist, und wurde nacheinander an drei Pächter unterverpachtet (Günter Weigel, Dr. Hasenmaier und Kurt Glaser). Danach führten Inge und Hella Dörr die Uhland-Apotheke acht Jahre lang (1964-1972). Nach dem Tode von Margarete Uhland, der Eigentümerin des Gebäudes, kam weder ein Kaufvertrag noch ein neuer Mietvertrag zustande, weshalb man nach einer anderen Apotheke suchte. So nahmen die Geschwister Dörr das Angebot der Brüder Karl und Wilhelm Grob (Küchen Grob) aus Steinenbronn an dort eine Apotheke zu errichten, da es bisher noch keine Apotheke gab. 1972 wurde die Rathaus-Apotheke in Steinenbronn eröffnet. Die Sammlung ihres Vaters, das „Schwäbische Apothekenmuseum“, wurde in die neue Apotheke übernommen.

Nach 30 Jahren wurde die Rathaus-Apotheke im April 2002 geschlossen. Die Versorgung mit Medikamenten wird seitdem durch die ca. 2000 entstandene Brunnen-Apotheke in Steinenbronn übernommen.

Botendienste

Da eine flächendeckende Versorgung der Menschen mit Apotheken bis in die 1960er Jahre hinein nicht gewährleistet war, wurden sog. Botendienste eingerichtet. Von der Waldenbucher Uhland-Apotheke wurden u.a. Dettenhausen und Steinenbronn versorgt.

So wurden die von den örtlichen Ärzten ausgestellten Rezepte z.B. in einem bestimmten Briefkasten gesammelt. Der Bote, überwiegend Frauen, entnahm die Rezepte und fuhr mit dem Bus z.B. in die Uhland-Apotheke nach Waldenbuch. Dort wartete der Bote geduldig auf dem Bänkle bis die Medikamente, meist Rezepturen, zusammengestellt waren. Auch wurden Gebrauchsanweisungen angebracht oder homöopathische Mittel in Fläschchen abgefüllt. Alles musste beschriftet und ins Büchle eingetragen werden, damit die einzelnen Empfänger wussten, was sie bezahlen sollten. 1950 betrug die Rezeptgebühr z.B. 50 Pfennig je Rezept! Manchmal waren Boten verschiedener Ortschaften gleichzeitig da. Dann musste alles ganz schnell gehen. Die Botenfrauen fuhren anschließend wieder mit dem Bus in Ihre Ortschaften zurück und verteilten die Medikamente an die Empfänger. Ab und zu musste der Bus warten, wenn die Medikamente noch nicht fertig zusammengestellt waren. Die Entlohnung der Boten erfolgte durch die Apotheken. Mit der Errichtung von Apotheken im Umland wurden die Botendienste immer weniger. Ab ca. 1972 wurden solche Botendienste eingestellt. Heute gehören Botendienste zum Standard Service. Besonders ältere Menschen schätzen den Botendienst von Apotheken.

Ab 1973

2002. Anzeige

Apotheker Franz Steibing

Apothekerin Christel Steibing

Nach einigen Umbauten übernahm im März 1973 Franz Steibing die Uhland-Apotheke und führte sie bis Januar 2005.

Nach dem Bau des Einkaufszentrums auf dem Kalkofen eröffnete seine Frau Christel Steibing im September 1979 die Apotheke Neues Zentrum in der Liebenaustrasse 36 ebenfalls bis Januar 2005.

 

Apotheker Dres. Rainer Frank Hörnlein und Cornelia Hörnlein

Beide Apotheken gingen ab Februar 2005 in neue Hände. Dr. Rainer Frank Hörnlein übernahm die Uhland Apotheke, seine Frau Dr. Cornelia Hörnlein die Apotheke Neues Zentrum auf dem Kalkofen.

 

 

Benutzte Literatur

Springer, Otto: Geschichte der altehrwürdigen Landstadt Waldenbuch. Stuttgart 1912.

Fleck, Egid: Aus der Geschichte der heutigen „Mohren“-Apotheke in Möhringen auf den Fildern, in Beiträge zur württ. Apothekengeschichte 1963.

Fleck, Egid: Württembergische Apotheker des 16./18. Jahrhunderts in Beiträge zur Württembergischen Apothekengeschichte, Band VII, Dezember 1965.

Barbara Simon: Sammlung Walter Dörr in PZ Pharmazeutische Teitung, August 2002.

Dörr, Walter: Die pharmaziegeschichtliche Sammlung zu Waldenbuch in Süddt. Apotheker-Zeitug Nr. 51, 1949.

Armin Wankmüller: Apotheker Walter Dörr, Stuttgart-Waldenbuch ein Sammlerleben, in Beiträge zur württ. Apothekengeschichte 1989, Heft 3.

Mast, Gottlob: Der Apotheke in Waldenbuch zum Abschied, in Die Filder-Scholle Nr. 5, Juli 1936.

Stadtpfarrer Richard Essig: Nachruf auf Rudolf Uhland in Heimatbote von Waldenbuch Nr. 02/1933.

 

Wolfgang Härtel

im März 2018

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